Hans Meyer genießt bis heute bei den Hertha-Fans Kultstatus.  Imago/BK

Oft geriet Hertha BSC, so wie diesmal im Kampf um den Klassenerhalt durch die Quarantäne, in Not. Fast immer, und das soll Mut machen, ziehen die Blau-Weißen den Kopf aus der Schlinge. Hertha kann Wunder – Nr. 10.

Wer Hertha-Fan ist und an Weihnachten 2003 denkt, für den kann der Jahreswechsel nichts Stimmungs- und noch weniger Hoffnungsvolles haben. Vorletzter sind die Blau-Weißen in der Bundesliga, nur einen Punkt rangieren sie vor Schlusslicht Eintracht Frankfurt. Manager Dieter Hoeneß hat nach nicht einmal anderthalb Jahren seinen Wunsch-Wunschtrainer Huub Stevens entlassen. Doch mit Andreas Thom, dem 13-Tage-Coach, gelingt mit zwei Unentschieden und einer Niederlage die Wende auch nicht.

Lesen Sie auch: Herthas Arne Friedrich vor dem Neustart: „Wir wissen ganz genau, was wir zu tun haben“ >>

Bobic und Kovac vor Meyer nicht sicher 

In der größten Not holt Hoeneß das ganz große Besteck hervor: Hans Meyer. Längst ist dieser Coach Kult, vorerst aber nur im Osten, wo er mit Carl Zeiss Jena 1981 das Finale im Europapokal der Pokalsieger erreicht hatte und auch sonst über jede Menge Meriten verfügt.

Dieser Meyer hat nichts zu verlieren, sondern alle Hände voll zu tun, weil er ein Team übernimmt, das mit Marcelinho, Niko Kovac, Fredi Bobic, Gabor Kiraly, Pal Dardai, Marko Rehmer, Dick van Burik, Joe Simunic und Bart Goor zwar exzellent besetzt ist, das in seinen Leistungen jedoch jenseits von Gut und Böse ist und es in einer der miesesten Hinrunden der Vereinsgeschichte neben sieben Unentschieden nur zu zwei Siegen (der erste gelingt mit 1:0 bei Hansa Rostock am 10. Spieltag) bringt.

Nur: Mit Meyer wird es nicht besser. Erst einmal zumindest, denn nach dem ersten Auftritt unter ihm, einem 0:4 in Bremen, ist alles nur noch schlimmer. Nun hängt die Rote Laterne im Olympiastadion, das rettende Ufer ist drei Punkte weg und Meyer will am liebsten sofort wieder hinschmeißen.

Abstiegs-Endspiel bei 1860 München

Dass er doch weitermacht, ganz kräftig an der Hierarchie rüttelt und nicht einmal Bobic und Kovac vor ihm sicher sind, erweist sich als zunehmender Glücksfall. Was danach nämlich folgt, ist eine einzige Aufholjagd. Sechs Siege (darunter ein grandioses 6:2 gegen Dortmund), vier Unentschieden (ein 1:1 gegen die Bayern ist auch dabei) und nur vier Niederlagen später kommt es zum Abstiegs-Endspiel bei 1860 München, wo beim 1:1 auch Löwen-Angreifer Francis Kioyo hilft, weil er in vorletzter Minute einen Elfmeter versemmelt.

Da steht fest: Der Hans, der kann’s. Erst recht nach dem finalen 3:1 gegen Köln, als dieser hemdsärmelige Kerl sich aus dem Olympiastadion mit Platz 12, der überhaupt besten Saisonplatzierung, und einem Koffer verabschiedet. Es soll der Koffer sein, den er in Berlin behalten und immer mal wieder zurückkehren möge. Eigentlich. Die Geschichte endet gut, rührselig zum Glück aber nicht …