Manager Fredi Bobic muss Hertha noch mächtig umkrempeln. Foto: Imago Images/nordphoto/Engler

Über die Feiertage hatte ich sehr lange Fredi Bobic im Ohr. Ich habe mir die knallharte, sehr ehrliche Analyse der Situation bei Hertha durch den Geschäftsführer Sport angehört – einmal das fast 40 Minuten lange Interview beim vereinseigenen Hertha-TV und auch den einstündigen Podcast „Hauptstadtderby“ beim rbb.

Beim unterhaltsamen Podcast war Bobic den Stamm-Protagonisten Axel Kruse (Hertha) und Christian Beeck (Union) in Folge 90 zugeschaltet. Bobic übte sachlich und fundiert Kritik an einigen Zuständen, die er im Sommer bei seinem Amtsantritt in Berlin vorgefunden hatte.

Vor allem die Passivität auf vielen Gebieten – die Spielweise auf dem Platz, aber auch die Abläufe und Strukturen im Verein – missfielen dem neuen Sportchef. Er habe in den letzten fünf Jahren aus der Ferne Hertha stets als eine vor allem durch Passivität geprägte Mannschaft wahrgenommen, die wenig agierte.

Ich gehe noch weiter. Offensiv und dominant traten Mannschaften von Hertha sogar in den zurückliegenden 20 Jahren nur phasenweise auf. Das passierte am häufigsten in der Ära von Trainer Jürgen Röber, der das Team 1998/99 auf Rang drei und in die Champions League führte. Mit 59 Toren erzielte Hertha damals die drittmeisten Treffer in der Liga und stellte in Michael Preetz gar den Liga-Torschützenkönig (23 Tore). Das klingt wie aus einer anderen Fußball-Welt.

Nur bei Röber, Götz und Favre hatte Hertha richtig Schwung

Als Übergangstrainer nach dem Aus für Röber ließ Falko Götz von Februar bis Mai 2002 aktiven, offensiven Fußball spielen, schaffte neun Siege in torreichen Spielen. Und noch einmal, in der Saison 2008/09, dominierte eine aktive Hertha lange die Konkurrenz unter Coach Lucien Favre, besaß in Marko Pantelic und Andrej Woronin überdurchschnittlich starke Angreifer, die die Fans begeisterten. Aber danach?

Nach zwei Abstiegen und zwei sofortigen Wiederaufstiegen hatte man sich bequem eingerichtet im Mittelfeld der Liga. Bobic verglich nun die Atmosphäre bei Hertha mit der auf einem Amt: Man sei fast eingeschlafen. Harter Tobak, der mich aber in einigen Aussagen an die drastische Abrechnung von Jürgen Klinsmann im Februar 2020 erinnerte. Nach dem unmöglichen Abgang von Klinsmann als Hertha-Trainer durch die Hintertür hatte der auf 22 Seiten eine Analyse erstellt. Er schrieb unter anderem: „Der Club ist in seiner Struktur immer noch wie ein riesiger Tanker, der jeden Tag die gleiche Route fährt, unabhängig von Wind und Wetter, während die Konkurrenz aus lauter Schnellbooten besteht.“

Um im Bild zu bleiben: Nun versucht Fredi Bobic, nach und nach ein Schnellboot zu bauen und fordert auf allen Gebieten mehr Aktivität, mehr ein enges Zusammenspiel, ein Miteinander. Jeder bei Hertha, ob Spieler, Mitarbeiter oder leitender Angestellter, müsse an seine Grenzen gehen. Forderungen, die man zuvor lange nicht so deutlich bei Hertha gehört hatte.

Korkut, ein Mann für die Zukunft?

Trainer Tayfun Korkut fordert Geduld, aber sein erster Monat bei Hertha war schon mal vielversprechend. Foto: City-Press

Wie sich Bobic die „neue Hertha“ auf dem Rasen vorstellt, war etwa beim jüngsten 3:2 gegen Borussia Dortmund unter Neu-Trainer Tayfun Korkut zu erleben – aktiv, offensiv, leidenschaftlich. Die Anmerkungen zur Zukunft von Korkut fand ich interessant. Korkut besitzt nur einen Vertrag bis Saisonende. Danach, so Bobic, wollen sich er und der Trainer in die Augen schauen. Geht es weiter? Oder eben nicht.

Korkut hat auf seinen bisherigen Stationen die Mannschaften meist schnell auf Vordermann gebracht, es aber nicht zu langfristigen Engagements geschafft. „Tayfun sieht es auch als Chance, diesen persönlichen gordischen Knoten zu durchbrechen“, ist sich Bobic sicher. Er jedenfalls würde nicht hinter dem Rücken von Korkut an einer Verpflichtung eines neuen Trainers arbeiten. Doch Herthas Umfeld ist stets unruhig. So kursieren schon wieder kuriose Gerüchte über einen neuen Chefcoach im Sommer. Der neueste Name, der von einigen Medien gespielt wird: Joachim Löw. Pikant: Der ehemalige Bundestrainer ist mit Korkut befreundet.

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