Sieht so aus, als hätte zumindest Stürmer Ishak Belfodil genau kapiert, worauf es jetzt bei Hertha ganz besonders ankommt. Imago/RHR-Foto

Als ich am zurückliegenden Wochenende auf der heimischen Couch die dramatischen Entscheidungen im Kampf um den Aufstieg oder auch das verzweifelte Aufbäumen gegen den drohenden Abstieg verfolgte, kamen viele Emotionen hoch. So viel überschwänglicher Jubel, so viel Ekstase auf der einen – und so tiefe Trauer und Tränen auf der anderen Seite.

Ich wurde schon etwas neidisch, als ich etwa die Freudentänze an der Alten Försterei sah. Dieser 1. FC Union kann sich zu Recht ausgiebig feiern lassen nach einer großartigen, ja sensationellen Saison. Mein allergrößter Respekt!

Der HSV ist psychologisch erst mal im Vorteil

Und Hertha? Ein Ereignis, das für viele Anhänger der Blau-Weißen eine Art Albtraum bedeutet, ist nun eingetreten – die Relegation.

Am späten Sonntagnachmittag, als es in Liga zwei um Rang drei ging, wusste ich nicht, wer mir als Kontrahent in den bevorstehenden Alles-oder-nichts-Duellen lieber wäre: der Hamburger SV oder Darmstadt 98? Nun ist es der HSV geworden, der nach vier Jahren in der Zweitklassigkeit endlich wieder nach oben will.

Fakt ist, die Relegation wird im Kopf entschieden. Die mental stärkere Mannschaft wird sich durchsetzen. Für mich sind die Hamburger – rein psychologisch gesehen – erst einmal im Vorteil. Vor einigen Wochen waren sie schon völlig abgeschrieben, lagen fünf Spieltage vor Saisonschluss sieben Punkte hinter dem ersehnten dritten Platz. Es folgten fünf Siege in der Liga in Serie.

Hertha dagegen muss in die Relegation, schien mehrmals gerettet und vergab drei Matchbälle.

Relegation 2012: Änis Ben-Hatira wittert Verschwörung

Als Hertha BSC im Mai 2012 zum ersten Mal in die Relegation musste, war die Situation eine andere. Am 34. Spieltag schaffte das Team mit einem Kraftakt, einem 3:1-Sieg gegen Hoffenheim, den Sprung auf Rang 16 und die Chance auf zwei Duelle gegen den Zweitligisten Fortuna Düsseldorf.

Änis Ben-Hatira hatte zwei Treffer gegen Hoffenheim erzielt. Über die beiden Relegationsspiele, die 1:2 und 2:2 endeten, sagte er mir jetzt: „Wir waren Favorit und fühlten uns gut. Dann vergeigten wir zu Hause das erste Spiel. Das Duell in Düsseldorf empfand ich beinahe wie eine Verschwörung. Ich hatte das 1:1 geschossen und bekam die Gelbe Karte für nichts! Und später Gelb-Rot! Als wir nach dem frühen Platzsturm der Fortuna-Fans nach einer Spielunterbrechung in der Kabine hockten und viele von uns Angst vor Ausschreitungen in diesem Tohuwabohu hatten, hieß es von den Offiziellen: Ihr müsst rausgehen, sonst seid ihr abgestiegen! Unglaublich!“

Felix Magath: Zweckoptimismus oder richtige Strategie?

Für Ben-Hatira und auch für mich, der als Reporter vor Ort war, galt fortan die Devise: Nie wieder Relegation! Doch all das ist Schnee von gestern und interessiert nur Herthaner, die einst das Skandalspiel erlebten und nun mit Sorge auf die Spiele gegen den HSV schauen.

Felix Magath tangiert das nicht. Der Hertha-Trainer redet seine Mannschaft stark und sagt auch den in Deutschland berühmten Satz: „Wir schaffen das!“ Zweckoptimismus oder die richtige Strategie?

Ein Anruf bei Dr. Gerd Driehorst. Der Dozent war 1998 der erste Mentalcoach in der Bundesliga und arbeitete – damals meist noch im Verborgenen – bis 2004 bei Hertha BSC. Driehorst ist genauso optimistisch wie Magath, was mich schon ein wenig erstaunte.

„Hertha muss zeigen: Wir sind der Herr im Hause“

Der Mann, der vor allem Führungskräfte in Wirtschaft und Politik coacht, sagte mir: „Die Mannschaft ist unter Magath intakter als je zuvor und scheint mir mental gut drauf! Hertha muss gleich im ersten Spiel zeigen: Wir sind der Herr im Hause! Wir bleiben der Erstligist!“

Der Himmel weit, Bäume, Rasen und keine Spur von Ablenkung: Hertha BSC bereitet sich in Kienbaum auf die Relegation vor. City-Press/Jan-Philipp Burmann

Driehorst glaubt, dass Felix Magath im Kurz-Trainingslager in Kienbaum viele Einzelgespräche führen und vor allem intensiv mit den Führungsspielern kommunizieren wird: „Magath wird die Situation auch bestimmt nicht überdramatisieren.“

Können sich zwei so unterschiedliche Experten wie Magath und Driehorst irren? Ich hoffe nicht und glaube an ihre Prognosen.

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