Sportdirektor Arne Friedrich (l.) und Hertha-Boss Fredi Bobic teilten Trainer Pal Dardai seine Entlassung in einem Sechs-Augen-Gespräch mit.
Sportdirektor Arne Friedrich (l.) und Hertha-Boss Fredi Bobic teilten Trainer Pal Dardai seine Entlassung in einem Sechs-Augen-Gespräch mit. Imago

Mir geht es wie den meisten Fans von Hertha BSC, die angesichts der tristen sportlichen Gegenwart liebend gern in alte Geschichten eintauchen, einfach in Zeiten, als etwa der Brasilianer Marcelinho zauberte, als Pal Dardai jeden Zentimeter auf dem Rasen des Olympiastadions bearbeitete oder als ein Marko Pantelic die Gegner mit raffinierten Torschüssen narrte. Ja, das waren noch Kerle, richtige Typen, die ich heute schmerzlich vermisse.

Am zurückliegenden Sonnabend verfolgte ich im unwirtlichen Olympiastadion das Duell der Hertha gegen den FC Augsburg – wie alle nichts ahnend, dass es das letzte Spiel von Pal Dardai als Cheftrainer werden würde. Die trostlose Kulisse von 14.523 Zuschauern machte mich sehr nachdenklich. Die 2G-Regel mit dauerhafter Maskenpflicht in der Arena, das miese Wetter und die Tatsache, dass die Ultras der Ostkurve weiter fernbleiben, sind Erklärungen für den enttäuschenden Zuschauerzuspruch.

Dardai-Fußball lockt keine Fans

Doch ich bin mir sicher: Nur mit Leistung, mit Siegen, mit attraktivem Fußball und Identifikationsfiguren, wie sie Hertha einst in Fülle besaß, sind wieder viele Fans ins Stadion zu locken. Das hat auch Pal Dardai als Trainer nicht geschafft.

Als das Spiel lief, musste ich an ein großartiges Duell zwischen Hertha und dem FC Augsburg in der Zweiten Bundesliga denken, das noch heute zu meinen schönsten Erinnerungen als Reporter zählt. An jenem 15. Mai 2011 und einem 2:1-Sieg der Hertha, stiegen beide Klubs gemeinsam wieder in die Erste Liga auf. 77.116 Zuschauer – bis heute Rekord in der eingleisigen Zweiten Liga – waren dabei, feierten ein Fest und vor allem Pal Dardai.

Der wurde von Trainer Markus Babbel in die Startelf beordert und nach 42 Minuten ausgewechselt. Nach 286 Erstligaspielen war Schluss, das Stadion tobte, als der Ungar auf die Ehrenrunde ging. Ja, ich weiß, das ist Nostalgie, aber kurios finde ich es schon, dass nun zehn Jahre später wieder der FC Augsburg der Gegner war, dieses Mal aber folgte die Trennung von Dardai, der noch im Mai als Retter gefeiert worden war. Man kann sagen: Ein Kreis hat sich geschlossen.

Hertha im permanenten Krisenmodus

Schaut man auf die zehn Jahre zwischen den beiden Dardai-Abschieden als Profi und nun zum zweiten Mal als Trainer, liegen ein weiterer Abstieg samt Wiederaufstieg und acht neue Trainer (Dardai inklusive). Es waren viele Jahre im grauen Mittelmaß und eine Phase, die man als stabil und ohne Abstiegssorgen bezeichnen kann – eben mit Dardai als Chefcoach von 2015 bis 2019.

Doch aus Stabilität wurde schließlich Stagnation. Was folgte, war die Mär vom „Big City-Club“, eine traumhafte Investition von 374 Millionen Euro durch Lars Windhorst und in der nun dritten Saison in Serie – der zweiten Spielzeit unter Pandemie-Bedingungen – ein Team im permanenten Krisenmodus. Dem hat Sportchef Fredi Bobic nun ein Ende setzen wollen.

Derby-Debakel besiegelt Dardai-Aus

An Warnungen für Pal Dardai durch Bobic fehlte es nicht, nachdem sich der Ungar selbst als „kleinen, netten Trainer“ tituliert und mit seinem Aus kokettiert hatte. „Danach hätte er eigentlich fliegen müssen“, sagte Bobic Anfang November beim Sender DAZN. Ich bin sicher, dass sang-und klanglos verlorene Derby beim 1. FC Union brachte das Fass zum Überlaufen. Spätestens dann hatte sich Bobic entschieden, seine Zweckehe mit dem Coach zu beenden. Einen Bonus für alte Verdienste vergab der Sportchef nicht.

Nun also Tayfun Korkut, der bislang auf seinen Stationen keine allzu großen sportlichen Spuren hinterlassen konnte. Für mich ist der sympathische Trainer eher ein Platzhalter, bevor Bobic im Sommer 2022 einen neuen Trainer präsentieren könnte. Heißt die Wunschlösung Niko Kovac? Pal Dardais Aus aber nach 180 Erstligaspielen auf der Bank ist für Hertha eine emotionale Zäsur. Ob die Fans – und auch ich – bald bessere Zeiten erleben können? Ende offen.

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