Trainer Pal Dardai lässt sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen. Wenn doch, dann wird es heftig. Foto: City-Press

Um eine Eigenschaft beneide ich Pal Dardai schon länger. Herthas Trainer behauptet gern, dass er sehr gut und fest schläft – und das auch nach heftigen Niederlagen. Man kann dem Mittvierziger nur wünschen, dass dieser gesundheitsfördernde Zustand so bleibt, denn ich glaube, das Gros seiner Kollegen liegt nach drastischen Pleiten die halbe Nacht wach.

Dardai aber besitzt einen Vorteil gegenüber anderen Trainern: Er kann nach einer möglichen Trennung auf einen Anschlussvertrag pochen, der ihm einen Job in Herthas Nachwuchsbereich sichert. Dennoch: Der Ungar ist auch sehr ehrgeizig und möchte den spät zusammengebauten Kader, der auf einigen Positionen lückenhaft ist, in dieser Saison ins Mittelfeld führen.

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Doch wie lange darf er das Team noch anleiten angesichts der bisherigen Negativ-Bilanz? Seine Verdienste sind groß, die können ihm vielleicht länger den Job sichern, als einem Trainer, der zuvor von außen kam.

Platz 2 auf der Trainerliste hinter Kronsbein

Mit 286 Erstligaeinsätzen ist Dardai Herthas Rekordspieler. Das gilt auch für seine 42 Europacup-Spiele, auf die der einstige rustikale Mittelfeldmann besonders stolz ist. Sonnabend, beim brisanten Auswärtsspiel bei Eintracht Frankfurt, wird er sein 175. Spiel als Cheftrainer der Blau-Weißen erleben. Längst hat er in dieser Statistik alle Vorgänger überholt – auch Jürgen Röber (157), Falko Götz (109) und Georg Kessler (102), die es in den „Klub der Hunderter“ schafften. Nur der legendäre Trainer aus den 1960er- und 1970er-Jahren, Helmut „Fiffi“ Kronsbein, der 1991 in Berlin verstarb, thront mit 212 Spielen noch vor Dardai. Ob er den einstigen Feldwebel der Heeresmusikschule Bückeburg einholen kann, das scheint eher unwahrscheinlich.

Es gibt einige „Experten“, die glauben, Dardai sei ein Trainer auf Abruf. Geht die Negativspirale weiter, wird Sportchef Fredi Bobic seinen Masterplan ändern müssen. Bobic will eigentlich Kontinuität auf dem Trainerposten. Sein Wunsch: mit Dardai die aktuelle Saison ordentlich bewältigen und im Sommer 2022 vielleicht einen neuen Coach präsentieren.

Was macht das mit einem Trainer angesichts solcher Planspiele, auch wenn zudem Kontakte seines Herzensvereins mit möglichen Nachfolgern publik werden wie im Fall von Dortmunds Edin Terzic?

Ich bin sicher, Dardai wurmt das alles, weil er sich total mit dem Klub identifiziert. Nach der ersten Trennung von den Profis im Sommer 2019 lehnte Dardai zahlreiche lukrative Angebote anderer Vereine ab. 2021, im zweiten Anlauf, stieg er sogar zum Hertha-Retter auf.

Mahnende Beispiele

Weniger vereinstreu verhielten sich andere Trainer in der Liga, was Wirkung bei den Spielern zeigte. Als in der Vorsaison etwa der lange gefeierte Marco Rose seinen Abgang von Mönchengladbach nach Dortmund publik machte, geriet seine Mannschaft in eine Krise, stürzte mehrere Plätze ab.

Und als später auch noch Adi Hütter nach einigen Treuebekenntnissen doch seinen Wechsel von Eintracht Frankfurt zu Mönchengladbach bekannt gab, verspielte die Eintracht einen Sieben-Punkte-Vorsprung auf Dortmund. Statt Champions League gab’s Europa League.

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Blickt man in Herthas Historie, findet man folgende Episode: Als einst schon im Dezember 2001 die geplante Trennung von Kulttrainer Jürgen Röber zum Saisonende öffentlich wurde und Manager Dieter Hoeneß frühzeitig dessen Nachfolger Huub Stevens bekannt gab, ging es mit dem Team bergab.

Geschmacklos: Als Röber noch im Januar 2002 mit der Mannschaft im Trainingslager in Marbella weilte, wurde zeitgleich Stevens in Berlin als neuer Mann ab dem Sommer präsentiert. Das Team verlor weiter, Röber musste gehen und Falko Götz sprang für 13 Spiele als Statthalter ein. Götz führte Hertha nach attraktiven Auftritten auf Rang vier. Weitermachen durfte er nicht!

Ich hoffe, Pal Dardai bleiben solche Turbulenzen erspart und er schafft es, die Mannschaft weiter nach oben zu hieven. Dann wird er noch besser und ruhiger schlafen können als ohnehin schon.

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