Hertha-Präsident Werner Gegenbauer  Imago Images/Matthias Koch

Das twitterte dieser Tage mein geschätzter Kollege Uwe Bremer: „Mit Darjeeling und daheim – erste digitale Mitgliederversammlung von Hertha BSC.“  Ja, so etwas ist nun möglich. Ein Novum! Tatsächlich hat sich Hertha als Vorreiter betätigt und am zurückliegenden Sonntag die erste vollständig digitale Mitgliederversammlung eines deutschen Großvereins abgehalten. Und das ohne technische Pannen. Alle Achtung!

Über 1700 Mitglieder hockten zu Hause an ihren Computern und schickten pausenlos ihre Fragen. Corona ließ den realen Treff des 37 500-Leute-Vereins in der Messehalle am Funkturm nicht zu. Auch ich loggte mich wie 23 andere Kollegen ins digitale Geschehen ein, verbrachte entspannt drei Stunden vor dem Laptop und nahm mir dabei die Zeit, zwischendurch mit der Familie eine Asiatische Spargelpfanne zu essen. Ist das die Zukunft? Hoffentlich nicht.

Während Präsident Werner Gegenbauer, Manager Michael Preetz und Finanzchef Ingo Schiller ihre Berichte abgaben und dabei auch zum ersten Mal einen Teleprompter benutzten, kamen mir nostalgische Erinnerungen. Über 50 Mitgliedertreffs habe ich als Reporter erlebt. Die Schauplätze hießen Internationales Congress Centrum (ICC), Messehalle, CityCube oder vor vielen Jahren auch „Hotel Schweizer Hof“ oder das Logenhaus in der Emser Straße. Vor allem in grauen Zweitligazeiten gab es oft turbulente Versammlungen mit lautstarken Streitigkeiten und Beleidigungen. Einmal tanzte Sportdirektor Jürgen Sundermann wie ein Irrwisch am Mikrofon, ein anderes Mal stülpte Oberfan Pepe Mager dem neuen Präsidenten Manfred Zemaitat einen riesigen Indianer-Häuptlingsschmuck über den Kopf. Folklore überall. Später wurden diese Treffs immer seriöser und perfekter organisiert und auch inszeniert. Oft stöhnten wir Kollegen über das unglaublich lange Prozedere bei Wahlen oder über „schräge“ Fragen der Mitglieder.

Hoffentlich bald wieder live

Den Rekord erlebte ich im Mai 2012 nach dem Abstieg in der unsäglichen Relegation gegen Düsseldorf. Es gab enormen Redebedarf. Nach acht Stunden (!) stellte sich das neu gewählte Präsidium gegen 2.50 Uhr im Morgengrauen im ICC den Fotografen… Dennoch: Trotz der Innovation am Sonntag hoffe ich bald wieder auf einen realen Treff der Mitglieder, auf Wiener Würste und Kartoffelsalat, zubereitet von der rührigen Kegelabteilung, auf Gespräche mit Herthanern, die man seit vielen Jahren schätzt. Ich glaube, man muss den Verein irgendwie „riechen“ können, Stimmungen erleben, Facetten spüren, Hintergründe einholen und Kontakte knüpfen. Das macht doch auch ein Journalistenleben erst interessant.

Was ist nun bei mir als Extrakt hängengeblieben nach der digitalen Versammlung? Herthas Stadionpläne werden wohl bis Juli 2025 nicht zu halten sein. Der Klub kann dank der Millionen von Investor Lars Windhorst die Krise trotz erheblicher Verluste besser als viele Konkurrenten überstehen, hat 109 Millionen Euro Cash auf den Konten und ein Eigenkapital in Höhe von 182,5 Millionen Euro.   Von Michael Preetz war zu erfahren, dass ihm die Trennung von Ante Covic „sehr schwer gefallen“ ist. Präsident Gegenbauer erklärte auf Nachfrage, dass ein gewisser Teil des Gehalts von Preetz „erfolgsabhängig“ bezahlt wird.

Und – die Ziele von Klub und Investor (zuerst der Klassenerhalt, später Richtung Europa gehen) seien nun „weitgehend deckungsgleich“, bis zum Ausscheiden vom einstigen Windhorst-Vertrauten Jürgen Klinsmann habe es aber „einen Unterschied in der Beurteilung der Geschwindigkeit“ gegeben. Klinsi wollte schon binnen zwei Jahren in der Champions League spielen… Der nächste Mitglieder-Treff ist für November datiert. Dann wird es die verschobenen Neuwahlen zum Präsidium geben. Hoffentlich wieder live mit Publikum in einem großen Saal. Werner Gegenbauer, der am Donnerstag seinen 70. Geburtstag feiert, will erneut kandidieren. Das hat er schon vor Corona angekündigt.