Ex-Trainer Jürgen Klinsmann (57) meldete sich erstmals nach seinem Rücktritt bei Hertha BSC zu Wort und mahnt den Klub zur Vorsicht. Foto: Imago

Die Zeit heilt alle Wunden. Fast alle. Mehr als 27 Monate nach der kuriosen Trennung traut sich Jürgen Klinsmann, erstmals wieder ausführlich über Hertha BSC zu sprechen. Nach der Rettung in der Relegation meldet sich der Ex-Trainer nun mit dem mahnenden Zeigefinger zu Wort. Ganz klar: Klinsi, der mit großen Träumen in Berlin aufschlug und mit viel Scherben wieder verschwand, sorgt sich weiter um Hertha BSC.

Jürgen Klinsmann trägt Mitschuld am Hertha-Chaos

„Grundsätzlich zeigt das Beispiel, dass Erfolg ein Gesamtergebnis vieler kleiner Punkte ist. Die Zusammenstellung des Teams, das Zwischenmenschliche, die Energie im Klub, die Verantwortlichkeiten, die Rolle der Gremien – es muss alles passen. Sonst nützen auch große Investitionen nichts“, erklärt Klinsmann im Gespräch mit der Rheinischen Post nach Herthas Rettung in letzter Sekunde.

Ausgerechnet ER, werden sich viele Hertha-Fans denken. Als Adjutant von Investor Lars Windhorst in den Aufsichtsrat bestellt, sprach Klinsmann im Herbst 2019 vollmundig über Hertha BSC als „spannendstes Fußball-Projekt in Europa“. Als Cheftrainer von Hertha BSC gab er zusammen mit Ex-Manager Michael Preetz fast 80 Millionen Euro im Januar 2020 aus, kürte Hertha so zum Ausgaben-Weltmeister und sprengte mit nur einer Transferperiode das bis dato bestehende Gehaltsgefüge bei Hertha BSC – nur um wenige Wochen später abrupt hinzuschmeißen.

Jürgen Klinsmann leidet weiter mit Hertha BSC

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Jürgen Klinsmann war in der Saison 2018/2020 nicht mal drei Monate Cheftrainer von Hertha BSC.

Jetzt, etwas mehr als zwei Jahre nach seiner kuriosen Flucht via Facebook, meldet sich Klinsmann wieder zu Wort. Einerseits klingen Klinsis Aussagen wie Hohn auf die geschundene Hertha-Seele. Statt genau das nun geforderte vorzuleben, alte Strukturen aufzubrechen und Verantwortung zu übernehmen, düpierte Klinsi mit seinem Rücktritt den ganzen Verein. Jetzt sagt der ehemalige Bundestrainer: „Es ist sehr schade, dass ein Standort wie Berlin, der so viel Wirtschaftspower hat, wie übrigens auch Stuttgart, sich ja soeben gerettet hat, nicht ganz anders dasteht im deutschen Fußball.“

Andererseits ist klar erkennbar: Klinsis Herz hängt immer noch an Hertha BSC. Aus seiner Verbundenheit zu den Blau-Weißen machte er nie einen Hehl. Sein Vater Siegfried (verstarb 2005 im Alter von 71 Jahren) stammte aus Frankfurt (Oder) und war glühender Hertha-Fan. Später zog es ihn ins Schwabenland, wo Klinsi geboren wurde. Bis heute ist er in keinem Klub der Welt Mitglied – außer bei Hertha BSC (seit 2004 als Ehrenmitglied mit der Mitglieds-Nummer 18 – Klinsmanns berühmter Trikot-Nummer).

Trotz seines kuriosen Rücktritts, mit dem er den Verein mitten im Abstiegskampf allein ließ: Bei vielen Hertha-Fans ist Klinsmann noch immer beliebt. Rückblickend scheint Klinsi für viele am richtigen Ort gewesen zu sein – allerdings zur falschen Zeit.

Jürgen Klinsmann sieht weiter Probleme bei Hertha BSC

Und sicherlich war Klinsmann für das verursachte Chaos und die horrenden Ausgaben nicht allein verantwortlich. Vielmehr fehlte ihm im Verein ein starker Gegenpol, sodass viele bis heute der Meinung sind, dass seine später an die Medien durchgestochene, knallharte Hertha-Abrechnung den Nagel auf dem Kopf traf, insbesondere was die Strukturen rund um die Hanns-Braun-Straße betrifft.

Recht hat Klinsmann wohl auch mit seiner neusten Aussage, dass trotz der späten Rettung in der Relegation und den Rücktritten von Präsident Werner Gegenbauer und Finanz-Boss Ingo Schiller sowie der Erleichterung über den geschafften Klassenerhalt noch vieles bei Hertha BSC im Argen liegt. Klinsmann: „Für die Hertha wäre der Abstieg eine Katastrophe gewesen, bei all dem finanziellen Aufwand, der betrieben wird. Dass er vermieden wurde, ist gut, aber das darf nicht über alles andere hinwegtäuschen.“

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