Erich „Ete“ Beer schaut aus München und kurz vor seinem 75. Geburtstag mit großer Sorgen auf Hertha BSC.  dpa

Erich Beer war hin-und-hergerissen. „Naja, ein schönes vorgezogenes Geburtstagsgeschenk war der eine Punkt in Stuttgart nicht“, sagt die Hertha-Legende, „aber nachdem ein 0:2-Rückstand aufgeholt wurde, war ich am Ende doch zufrieden.“ Am Donnerstag feiert Beer, den alle „Ete“ nennen, bei guter Gesundheit seinen 75. Geburtstag.

Für Beer, der in München lebt, ist Hertha auch nach Jahrzehnten noch immer eine „Herzenssache“, wie er mir am Telefon sagte. Dass er dabei in den vielen Jahren in denen er seinen ehemaligen Verein aus der Ferne intensiv verfolgt, oft frustriert war und gerade in Bayern auch Hohn und Spott einstecken musste, verschweigt er nicht.

Herthas Ete Beer holte nie einen Titel

Beer war einst der immer bescheidene und bodenständige Star der 1970er Jahre bei Hertha, prägte ein Jahrzehnt, amtierte als Kapitän und schaffte als offensiver Mittelfeldmann in 253 Spielen stattliche 83 Tore. Direktabnahmen und knallharte Distanzschüsse waren die Spezialität von Beer, dem zweimal ein „Tor des Monats“ gelang.

Kaum ein anderer Spieler war mit Hertha so oft nah dran am ganz großen Triumph – in Meisterschaft und Pokal – wie Beer. Aber einen Titel hat er nie gewonnen: Vizemeister 1974/75, zweimal in den Endspielen des DFB-Pokals 1977 und 1979 knapp gescheitert und ein unglückliches Aus im Halbfinale des Uefa-Cups 1979. Dazu kommt als Nationalspieler die Vize-Europameisterschaft 1976, als Uli Hoeneß im Finale von Belgrad gegen die CSSR einen Elfmeter in den Nachthimmel schoss. „Ich grübele ab und an noch heute, warum uns nie ein Titel gelungen ist – vor allem mit der Hertha“, sagt Beer.

dpa
Herthas Ete Beer (r, vorn) im  heimischen Olympiastadion im Halbfinal-Rückspiel im UEFA-Cup gegen die Elf von Roter Stern Belgrad. 

Doch das ist Geschichte, aber die Mannschaft um Beer, Luggi Müller, Uwe Kliemann, Hanne Weiner oder Lorenz Horr gilt noch heute bei den Hertha-Fans als äußerst spiel- und vor allem charakterstarkes Team, in dem beinahe jeder Profi das Gen eines Anführers besaß. „Im Gegensatz zu heute“, klagt Beer, „wir hatten damals in allen Mannschaftsteilen Anführer, die vorangegangen sind und das nicht nur mit Worten.“

Eigentlich ist Beer viele Jahre vor allem sachlich-kritisch, aber oft auch nachsichtig mit der Hertha umgegangen. Das hat sich durchaus geändert. Ich habe es in unserem Gespräch gespürt und auch vor wenigen Wochen fiel seine Kritik in einem Doppelinterview zusammen mit Union-Legende Torsten Mattuschka im Magazin „Kicker“ deutlich aus.

Pal Dardai soll bei Hertha bleiben

Er bemängelt „zu wenig Identifikation“ der Spieler mit dem Klub, „da ist man bei Union weiter.“ Beer: „Zuviel Umbruch, zweifelhafte Einkäufe, nun der sechste Trainer seit Sommer 2019. Jeder Trainer wollte andere Spielertypen. All das geht nicht.“ Auch die Trennung von Pal Dardai vorige Woche findet Beer vom Zeitpunkt her nicht gut. „Ich hätte ihm noch eine Chance bis Weihnachten gegeben. Pal hat Anfang des Jahres, als er als Retter geholt wurde, hervorragende Arbeit geleistet. Dass es in seiner ersten Zeit als Chef 2015 bis 2019 zu wenig Spielwitz gab und zu wenige spielerische Fortschritte, ist unbestritten, aber man muss ihn im neuen Jahr wieder im Verein einbinden. Alle andere wäre schäbig.“

Viel Lob hat Beer für Stadtrivale Union parat. „Die sind wie eine große Familie. Das ist bei meiner Hertha im Moment jedenfalls noch nicht so.“ Zahlreiche Transfers sieht Beer kritisch. „Hertha hatte plötzlich viel Geld und kaufte Spieler, vermeintliche Stars, die man nicht unbedingt brauchte.“

Eine Frage darf nicht fehlen: Ist der 1. FC Union, der bisher eine sensationelle Saison spielt, schon Berlins Nummer eins? Beer: „Was Union bietet ist sehr stark und verdient große Anerkennung, aber insgesamt hat Hertha über einen langen Zeitraum mehr für Berlin geleistet. Deshalb ist Hertha für mich immer noch die Nummer eins.“ Der Klub bleibt seine Herzensangelegenheit, trotz aller Turbulenzen und Enttäuschungen. Alles Gute, lieber Ete! Bleib gesund! 

Lesen Sie hier mehr über Hertha BSC >>