Jürgen Klinsmann scheiterte als Hertha-Trainer krachend, obwohl er wichtige Punkte im Abstiegskampf holte.  Foto: Imago Image

Was für ein Jahr. Im wahrsten Sinne des Wortes. Zwölf Monate lang hielten Hertha BSC und der 1. FC Union die Hauptstadt in Atem. Langweilig war echt anders! Hier vier Trainer in einer Spielzeit, Stadtmeisterschaft, Geldsegen von Lars Windhorst, verbunden mit dem Ziel, sich endlich im Konzert der Großen zu etablieren. Dort wackerer Abstiegskampf, vorzeitige Rettung und der Abtritt eines Urgesteins. All das in Zeiten von Corona. Geisterspiele statt begeistertem Publikum. Schön ist anders. Doch am Ende lagen die Hauptstadt-Rivalen in der Tabelle friedlich nebeneinander, getrennt nur durch die Tordifferenz. Das hätten beim Ligastart im August 2019 wohl nur wenige für möglich gehalten. Seit Dienstag lesen Sie im KURIER die großen Serien über Hertha und Union.

Teil 2: Der Presseraum bei Hertha BSC ist überfüllt. Am 27. November wird Jürgen Klinsmann als Cheftrainer – Vertragslaufzeit bis zum Saisonende – vorgestellt. Manager Michael Preetz spricht von einem Mann mit Strahlkraft und erzählt freudig, wie er Klinsmann „den letzten Schubs“ gegeben hat, um als Coach einzusteigen.

Klinsmann redet auch von einem Schubser, „einem Riesenschubser“, er meint damit aber nicht sein Interimsamt als Coach, sondern das Investment von Lars Windhorst für den Verein. In den Sätzen wird schnell klar: Klinsmann sieht sich nicht nur als Trainer, er sieht sich als neuer Macher des Klubs. Schließlich war er ja noch Stunden zuvor Berater von Windhorst im Aufsichtsrat der Hertha KGaA. Das Amt, das er jetzt ruhen lassen muss. „Es ist etwas vollkommen Neues, was der Lars da geschaffen hat. Das ist eine neue Form, die man definieren muss“, sagt er.

Schon da hätten die Alarmglocken schrillen müssen. Klinsmanns Lebensmittelpunkt ist die USA. Die Kultur, auch im Sportbereich, gestaltet sich dort etwas anders. Von der Bundesliga, den Vereinsstatuten und der 50+1-Regel der DFL, die man nicht einfach ignorieren kann, scheint er wenig Ahnung haben zu wollen. Preetz versucht, schon bei der Pressekonferenz gegenzusteuern: „Es gibt keine Machtübernahme. Es gibt nur ein Miteinander.“

Klinsmann entwickelt sich in den nächsten Wochen immer mehr zu einem Menschen mit Allmachtsfantasien. Ohne dabei die genauen Wirtschaftsregeln im deutschen Fußball zu kennen. Ein weiteres Warnsignal bei Klinsmanns Amtsübernahme ist die Degradierung von Torwarttrainer Zsolt Petry, den er zu den Amateuren schickt. Petry hatte anderthalb Jahre zuvor gewagt, Klinsmanns Sohn Jonathan, der unter ihm zum Keeper ausgebildet wurde, in der Öffentlichkeit zu kritisieren. Klinsmann mimt nach außen den Vollprofi, ist aber persönlich nachtragend.

Sportlich erholt sich Hertha unter Klinsmann ein bisschen, zwölf Punkte holt er in neun Spielen. Doch visionär sieht es bestimmt nicht aus, was da auf dem Platz geboten wird. Es ist eher eine Blaupause des Dardai-Sicherheitsfußballs. Selbst dann noch, als Klinsmann in der Winterpause mit Santiago Ascacibar, Matheus Cunha und Krzysztof Piatek drei neue Spieler bekommt. Wie hemdsärmelig er das Ganze zuweilen angeht, verrät Klinsmann selbst nach dem Debüt des Polen beim 0:0 gegen Schalke vor einer TV-Kamera: „Ich habe ihn gefragt: ,Haschd du dai Schuhe dabei. Dann mol los.’“ Klinsmann findet solcherlei 90er-Jahre-Fußball-Folklore witzig, aber den meisten Herthaner ist das einfach nur peinlich.

Trotzdem wird ihm eine Weiterbeschäftigung als Cheftrainer über den Sommer hinaus in Aussicht gestellt. Doch Klinsmann will mehr. Er will Macht im Verein. Nach der 1:3-Heimpleite gegen Mainz dreht Klinsmann durch. Der Egomane schmeißt spontan hin. Er verkündet es auf Facebook, ohne den Verein vorher zu informieren. „Er hat einfach gesagt, ich gehe. So etwas habe ich noch nie erlebt“, ist nicht nur Preetz fassungslos. Die ganze Bundesliga greift sich wegen des Verhaltens des Ex-Bundestrainer an den Kopf.

Auch für Investor Windhorst ist das Verhalten „inakzeptabel und nicht tragbar“. Windhorst trennt sich vom blonden Schwaben auch als Berater der Tennorgruppe. Klinsmann war schneller weg als er da war. Wolfgang Heise

Morgen lesen Sie: Wie Torwart Thomas Kraft in der Halbzeit zum Trainer wird.