Jürgen Klinsmann schmiss vor zwei Jahren hin, Manager Fredi Bobic krempelte Hertha sofort auf links und Trainer Tayfun Korkut gehen die Argumente aus. Imago (3)

Ein Datum ist im Wust der vielen Schlagzeilen rund um die abstiegsbedrohte Hertha ein wenig untergegangen: Am 11. Februar jährte sich zum zweiten Mal die spektakuläre Flucht durch die Hintertür des Jürgen Klinsmann aus dem Westend zurück nach Kalifornien.

Ich habe mir schon oft die Frage gestellt: Was wäre passiert, hätte Jürgen Klinsmann Hertha nicht verlassen? Eine schlüssige Antwort konnte ich aber nicht finden. Fakt ist, Klinsmann ist an den verkrusteten Strukturen im Klub gescheitert und später an sich selbst.

Hertha-Talfahrt hält seit Klinsmann an

Nur vier Monate vor seinem spektakulären Einstieg als Trainer bei Hertha begann ganz langsam der sportliche Abstieg der Mannschaft unter seinem Vorgänger Ante Covic. Dieser fußballerische Niedergang – und das ist das Schlimme – hält bis zum heutigen Tag bis auf einige kurze Zwischenhochs an.

Der Krisenmodus ist zum Dauerzustand geworden. Seit Juli 2019 wechselten die Cheftrainer im regelmäßigen Takt: Covic, Klinsmann, Nouri, Labbadia, Dardai hießen die Verantwortlichen, ehe Tayfun Korkut verpflichtet wurde.

Über 30 Profis wurden seit 2019 geholt, fast genauso viele auch verkauft. Und nun sind sogar zehn Leihspieler in der Liga und in Europa unterwegs. Mir stellt sich die Frage: Wie viel Umbruch verkraftet eine Mannschaft und ein Klub wie Hertha BSC überhaupt?

Ist das Tempo von Bobic für Hertha zu hoch?

Fredi Bobic war im Sommer vorigen Jahres als Sportchef angetreten, den dringend notwendigen Umbruch einzuleiten – im Team und innerhalb der zum Teil nicht mehr zeitgemäßen Strukturen im Klub. Doch ist das Tempo, dass Bobic dabei anschlägt, vielleicht zu hoch und hat einige Protagonisten überfordert?

Der Sportchef holte fast ein Dutzend neuer Leute für das „Team hinter dem Team.“ Das brachte natürlich auch enttäuschte ehemals verantwortliche Mitarbeiter mit sich. Er verbannte aus der Mannschaft starke Individualisten, die sich vor allem als Ich-AG inszenierten und akquirierte dabei stattliche Ablösesummen. Dafür wollte er Spieler holen, die eine starke Siegermentalität besitzen und „für Hertha brennen“. Die Mentalität aber hat sich bislang nicht sonderlich zum Positiven verändert.

Die Mannschaft ist keine verschworene Truppe wie etwa der VfL Bochum, der mit enormem Kampfgeist  sogar den großen FC Bayern vorführte. Der VfL lebt von seiner Mentalität, was man auch über den 1. FC Union sagen kann, der zudem auch einen größeren personellen Umbruch im Profi-Team wunderbar meisterte. Hertha aber, so scheint mir, ist nicht in der Lage mit Stresssituation umzugehen und einmal 90 Minuten den Rasen umzupflügen. Dafür ist aber auch der Trainer verantwortlich.

Hertha-Team weiterhin unausgewogen

Die Vergangenheit, die bei Hertha in manchen Perioden sportlich sehr erfolgreich war, hat für mich eines gezeigt: mit einer eingespielten Mannschaft, die eine starke Achse besitzt, mit Profis, die nicht nach kurzer Zeit den Verein verlassen – hat man mehr sportlichen Erfolg, als mit einem Team, dass sich ständig neu finden muss.

Die Mannschaft, die den Klub 1999/2000 in der Champions League würdig vertrat und viele Sympathien erwarb, war zuvor systematisch gewachsen. Profis wie Michael Preetz, Andreas Schmidt, Eyjölfur Sverrisson, Dick van Burik, Pal Dardai, Gabor Kiraly, Christian Fiedler oder Michael Hartmann spielten alle mehr als fünf Jahre für die Blau-Weißen, das Gros blieb gar acht Jahre oder noch viel länger. Sie alle fanden sich zu einer intakten Gemeinschaft und auch der Erfolg schweißte sie zusammen.

Zurück in die triste Gegenwart. Jetzt muss die unausgewogen besetzte Mannschaft mit allen Mitteln den Abstieg vermeiden und endlich eines zeigen: Siegermentalität. Dass Trainer Korkut nach der Pleite in Fürth einen Mentalitätswechsel einfordern muss, ist aber ein Armutszeugnis.

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