Pal Dardai wechselte Sami Khedira in der 58.Minute ein. Danach holte Hertha den 0:1-Rückstand in Stuttgart auf.

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Erster Punkt für Pal Dardai bei Herthas 1:1 in Stuttgart. Viel mehr ist aber die Erkenntnis wert, dass der Coach endlich einen verlängerten Arm auf dem Platz hat, der für Ordnung sorgt: Sami Khedira (33) ist das neue Trainer-Teleskop!

„Es gibt gewisse Spieler, die verstehen das Spiel, wie sich der Gegner verhält. Das ist auch eine meiner Stärken. Fußball ist viel Aufteilung und Zuordnung – ich wusste, wo die Räume sind“, sagt der Rio-Weltmeister nach seinem 32-minütigen Auftritt beim VfB, seiner „Ordnenden-Hand-Gala“, seinem Pass zum 1:1-Torschützen Luca Netz.

Der erfahrene Mittelfeldstratege, der vor zwei Wochen von Juventus Turin kam, hat nicht nur das dritte Auge, er setzt es auch um. Als Dirigent mit Spielzügen, mit Rhythmus und mit Worten. Unverblümt sagt er, was bei dieser Hertha 2020/21 generell falsch läuft: „Wenn man nicht da steht, wo man stehen muss, wird es unheimlich schwer. Im American Football hat jeder seinen Laufweg und wenn einer den Weg nicht macht, ist der komplette Spielzug am Arsch. So ist es ein bisschen auch im Fußball.“

Diese Sätze könnte Khedira auch auf einen Zettel schreiben und in der Mannschaftskabine aufhängen. Besonders für die offensive Spieler Dodi Lukebakio, Matteo Guendouzi, Matheus Cunha und Kris Piatek.

Besonders in der ersten Halbzeit liefen sie – alle vier alleine für sich hervorragenden Einzelkönner – vogelwild über den Platz. Taktische Vorgaben wurden nicht eingehalten. Das ist der böse rote Faden der ganzen Saison. Es war bei Ex-Trainer Bruno Labbadia so und bei Dardai schlich es sich in Stuttgart wieder ein.

Der Trainer gab einen präzisen Plan für das Spiel aus, doch es wurde sich in der ersten Hälfte nicht dran gehalten. Dardai nimmt die Spieler noch in Schutz: „Wahrscheinlich ist das eine psychische Sache. Die Spieler sind nicht ausgebildet für den Abstiegskampf, sondern für andere Träume. Die Situation ist momentan so, dass es eine Blockade gibt. Und die muss man lösen.“

Punktuell mag das ja einleuchtend sein. Doch auch zum Saisonanfang war das schon das Problem – und da gab es noch keine Abstiegssorgen. Dieses „Sich-nicht-an-taktische-Vorgaben-halten“ ist wohl eher die Ursache und nicht die Wirkung des Abstiegskampfs.

Genau deswegen wurde Khedira geholt, um es abzustellen, und den Hierarchie-Mangel nach den Sommerabgängen von Vedad Ibisevic, Per Skjelbred, Salomon Kalou und Thomas Kraft zu beheben.

Nur: Noch ist Khedira körperlich nicht fit für 90 Minuten. Doch Dardai bewies seinen Trainerinstinkt und schickte den Ex-Nationalspieler zum perfekten Zeitpunkt auf den Rasen. „Die Mannschaft hat ihn gebraucht. Er hat ihr Stabilität gegeben“, so der Coach.

Vielleicht reicht Khediras Kraft Sonntag gegen Leipzig für 45 Minuten. Das Trainer-Teleskop muss für Ordnung sorgen.