Was hat er sich dabei nur gedacht? Salomon Kalou filmte in der Hertha-Kabine.  Foto: dpa

Es sind Bilder, die entsetzen und das Ende der Bundesliga-Saison bedeuten könnten! Hertha-Stürmer Salomon Kalou (34) filmte bei Facebook live, wie er zum Training fährt und in der Umkleide alle Hygieneregeln während der Corona-Krise missachtet. Es wird sich abgeklatscht und gelacht. Abstand? Fehlanzeige. Außerdem beschweren sich einige Spieler über angeblich zu hohe Gehaltskürzungen. Das Video ist mittlerweile gelöscht (hier ist es noch abrufbar) – die Sprengkraft der Bilder bleibt.

Hertha BSC reagierte am Abend mit einer Stellungnahme. Darin teilte der Klub mit, dass Kalou vorerst nicht weiter zum Kader gehöre. „Hertha BSC entschieden, ihn mit sofortiger Wirkung von Trainings- und Spielbetrieb zu suspendieren." Kalou selbst entschuldigte sich der Pressemitteilung des Bundesligisten zufolge für sein Verhalten. „Es tut mir leid, wenn ich mit meinem Verhalten den Eindruck erweckt habe, dass ich Corona nicht ernst nehme. Dafür möchte ich mich entschuldigen."

Was war passiert? Zunächst beginnt das Video ganz harmlos. Kalou filmt sich im Auto, wie er zum Training gefahren wird. Doch Kalous Video endet nicht vor dem Klubgelände, der Ivorer filmt munter weiter. Zunächst begrüßt er Fitness-Coach Henrik Kuchno im Trainer-Büro. Kuchno wirkt über das Gefilme mit dem Handy überrascht. Begrüßt wird sich trotzdem per Händedruck – der erste Verstoß gegen das Hygiene-Konzept der Deutschen Fußball-Liga (DFL).

Profis verzichten wohl nur auf zehn Prozent 

Weitere sollen folgen: In der Kabine klatscht Herthas Stürmer sowohl mit Torwart Rune Jarstein als auch Kapitän Vedad Ibisevic per Handschlag ab, setzt sich neben Ibisevic auf die Bank. Dabei halten die beiden Profis auch den Corona-Sicherheitsabstand von eineinhalb Metern nicht ein.

Dann holt Kalou seine Gehaltsabrechnung aus dem Spind, wedelt damit vor der Kamera herum. Sein Handy hat er abgelegt. Ob seine Mitspieler wissen, dass sie live gefilmt werden, ist unklar. Denn plötzlich fangen sie an, über den Gehaltsverzicht der Hertha-Profis zu reden – und liefern gewollt oder ungewollt weitere, bislang unbekannte und pikante Details. Bisher soll der Verzicht der blau-weißen Profis zwischen 20 und 30 Prozent gelegen haben. Nach KURIER-Informationen sprachen sich aber alle Erstligisten in den vergangenen Wochen ab und kürzten das Gehalt der Profis nur um zehn Prozent.

Das bestätigt Ibisevic nun vor laufender Kamera: „Wieso haben die uns angelogen? Die haben mir elf Prozent abgezogen“, fragt er seine Kollegen. Und poltert auf Englisch: „Warum lügen sie uns an? Vielleicht ist es ein Fehler aus Absicht und sie ziehen jedem ein Prozent zu viel ab. Wenn sie das mit jedem Spieler machen, verdienen sie eine Menge Geld.“ Dazu gab der Klub am Abend bekannt, dass es zu fehlerhaften Gehaltsabrechnungen kam, die nun korrigiert wurden.

Per Skjelbred ist nicht zu sehen, aber zu hören. Der Norweger: „Ja, 3000 hier, 5000, 3000 da.“ Ibisevic weiter: „Die sind verrückt, Bruder. Warum machen sie das? Verarschen die uns? Überleg dir mal, wir würden hingehen und sagen: ,Jetzt reicht’s. Wir geben es euch nicht. Ihr wollt uns verarschen.‘ Ich werde ihn fragen, ob er uns verarschen will. Aber wir haben das verdammte Papier schon unterschrieben.“ Womöglich ist mit „ihn“ Hertha-Manager Michael Preetz gemeint.

Auch Torunarigha tanzt aus der Reihe

Danach verlässt Kalou die Kabine, schreit durch das Treppenhaus „Corona-Virus“ – und platzt mitten in den Covid-19-Test von Jordan Torunarigha (22). Physiotherapeut David de Mel (54) macht gerade den Abstrich beim Verteidiger, während Kalou eigentlich vor der Tür auf seinen Test warten müsste. De Mel warnt den Stürmer: „Sala, bitte! Lösch das Video!“ Kalou lacht nur, sagt: „Ich mach nur Spaß, alles gut.“ De Mel: „Es dürfen eigentlich nur zwei Personen im Raum sein.“ Auffällig: De Mel trägt weder den vom Robert-Koch-Institut empfohlenen Schutzkittel noch eine Schutzbrille sowie keine FFP2-Maske, sondern nur einen einfachen Mund-Nasen-Schutz.

Torunarigha selbst tanzte keine 24 Stunden zuvor auch aus der Corona-Reihe. Er zeigte bei Instagram ein Video, wie er mit Freuden am trainingsfreien Sonntag Basketball spielt – und dabei kräftig mit den Kumpels abklatscht.

Über die Beweggründe Kalous kann nur spekuliert werden. Eine KURIER-Nachfrage beantwortete er nicht. Aber am Wochenende hatte der Ivorer der BBC ein TV-Interview gegeben, in dem er sich nicht begeistert zeigte, dass die Saison fortgesetzt werden soll – und darin die nun von ihm demonstrativ missachteten Corona-Regeln des Hygienekonzepts der DFL bezweifelt.

DFL entsetzt über Kalou

Wenige Stunden, nachdem das Video öffentlich wurde, verurteilte die DFL auf Twitter Kalous Film-Werk als „absolut inakzeptabel. Hierfür kann es keine Toleranz geben – auch mit Blick auf Spieler und Klubs, die sich an die Vorgaben halten, weil sie die Ernsthaftigkeit der Situation erfasst haben.“

Zuvor hatte die DFL den Klubs einen Corona-Maulkorb verpasst. Der Dachverband der 36 Klubs der Ersten und Zweiten Bundesliga will alle positiven SARS-CoV-2-Fälle selbst melden. Nach dem Wirbel um die drei beim 1. FC Köln infizierten Personen (zwei Spieler, ein Physiotherapeut) informierte die DFL die Öffentlichkeit nun selbst über sieben weitere Fälle. Insgesamt meldete die DFL nach 1724 Untersuchungen zehn positive Ergebnisse nach der ersten Testreihe.

Während die meisten Klubs noch auf die Resultate der zweiten Abstriche warten, keimte bereits Hoffnung auf, da beim 1. FC Köln nach der zweiten Untersuchung keine weiteren Fälle hinzukamen.

Dagegen ist Kalous Live-Video ein schwerer Rückschlag. Nach mittlerweile sieben Wochen Corona-Zwangspause hofft die DFL, am Mittwoch von der Politik grünes Licht für die Wiederaufnahme der Saison zu bekommen. Innenminister Horst Seehofer (CSU) hält das DFL-Konzept nach Angaben eines Sprechers nach wie vor „für eine sehr gute Grundlage für Lockerungen in diesem Bereich“. Noch habe die Bundesregierung aber nicht gemeinsam mit den Ländern darüber entschieden, ob sie „dieses Konzept zur Anwendung bringen will“. 

Kalous Video ruft die Skeptiker auf den Plan.