Da geht’s lang: Neu-Herthaner Deyovaisio Zeefuik. Foto: Imago Images/Behrendt

Vor ein paar Tagen fiel mir eine alte Akkreditierung in die Hände.  Ich berichtete im Juni 1988 für die Berliner Zeitung vom brisanten Halbfinalspiel während der Europameisterschaft zwischen Deutschland und den Niederlanden. Im Hamburger Volksparkstadion gab es eine bittere 1:2-Niederlage für die Gastgeber, weil kurz vor dem Abpfiff  Marco van Basten seinem Bewacher Jürgen Kohler entwischt war und zum Sieg für die Oranjes einschoss.

Mehr noch als das hektische Duell ist mir meine persönliche Nachspielzeit in Erinnerung geblieben. Zusammen mit zwei Kollegen konnte ich das Tohuwabohu nach dem Abpfiff ausnutzen und gelangte an den Ordnern vorbei in die Kabine der Holländer. Ein heute unvorstellbarer Vorgang, weil man gar nicht mehr in den Dunstkreis der Kabinen gelangt, die bei großen Ereignissen bewacht werden wie die Goldreserven der USA  in Fort Knox.

Da saßen dann die Helden um die Stars van Basten, Ruud Gullit und Frank Rijkaard siegestrunken mit nacktem Oberkörper und genossen Champagner. Ein kurzes Interview mit Rijkaard, dem Mittelfeldmann, machte mich stolz.

Hollands Fußballer, die Europameister wurden, stiegen zu begehrten Kickern in ganz Europa auf. Das genannte Super-Trio spielte komplett beim AC Mailand und sammelte einen Titel nach dem anderen. „Die holländische Revolution“ schrieb die „Gazzetta dello Sport“, da Rasta-Mann Gullit & Co. eine neue Art Fußball in den italienischen Catenaccio gebracht hatten: offensiv und attraktiv.

Aber wie bekomme ich jetzt die Kurve zu Hertha BSC? Ganz einfach. Auch hier kann man gerade eine „Hollandisierung“ beobachten. Gleich vier Kicker aus Holland gehören zum Aufgebot von Trainer Bruno Labbadia: Karim Rekik, Javairo Dilrosun, Daishawn Redan und nun auch Deyovaisio Zeefuik. Sie stehen für Tempo, Spielwitz und überraschende Aktionen. Und mit Omar Rekik hofft der jüngere Bruder von Karim, der in der U23 der Berliner verteidigt, auf den Sprung zu den Profis.

Die Holländer bilden nach den Brasilianern (16 Profis) die zweitgrößte Gruppe an ausländischen Kickern von Hertha in der Bundesliga-Geschichte. Die Liste reicht von Bryan Roy, der 1997 als „Königstransfer“ galt und umgerechnet 1,6 Millionen Euro Ablöse kostete, bis zum jüngsten Zugang, Verteidiger Zeefuik. Und das Beste: Viele der insgesamt elf Holländer, die in Liga eins für Berlin aufliefen, wurden in der exzellenten Nachwuchsschule von Ajax Amsterdam ausgebildet: Roy, Dick van Burik, John Heitinga, Redan, Dilrosun und nun auch Zeefuik.

Herthas Holländer standen aber nicht nur für Offensivgeist und exzellente Technik. Auch die Defensivarbeit beherrschten einige und spielten rustikal. Abwehrchef van Burik, ein Taktik-Fuchs, sammelte in zehn Jahren Bundesliga drei Rote Karten, zweimal Gelb-Rot und 41 Gelbe Karten. Und Rob Maas wurde von den Trainern stets als Sonderbewacher für die besten Stürmer des Gegners abgestellt und trat denen erfolgreich auf die Füße.

Nun also wird wieder viel Holländisch in der Hertha-Kabine gesprochen. Es gibt zahlreiche Vorteile, erneut auf Oranjes zu setzen: Die Profis sind vielseitig ausgebildet, noch zu bezahlen und sie integrieren sich schnell.

Bryan Roy, 50, war 13 Jahre als Trainer in der Ajax-Talentschmiede „De Toekomst“ (Die Zukunft) beschäftigt und trainierte auch Zeefuik. Er sagte mir am Telefon: „Bei Ajax lernt der Nachwuchs ein einheitliches Angriffssystem und wird technisch hervorragend ausgebildet. Die Aufnahmekriterien für die Akademie sind hart.“ Fakt ist: Mit Holland-Importen liegt Hertha goldrichtig.

Da passt es gut, dass die Mannschaft von Trainer Labbadia am 25. August zum Testspiel bei Ajax Amsterdam antreten wird. Bryan Roy, der gern an seine Zeit in Berlin denkt, will auf der Tribüne sitzen.