Kevin Prince Boateng – in jeder Faser Herthaner imago/Contrast

Der Prince stand beim 1:2 gegen den SC Freiburg zum vierten Mal in der Startelf von Hertha BSC. Er soll die verunsicherte Mannschaft führen und dass auch lautstark auf dem Platz. Nach einer Stunde war Schluss für ihn. Kevin-Prince Boateng ist eigentlich der geborene Anführer, ein Typ, der die Fans ins Stadion locken kann. Doch seine körperlichen Kräfte, seine Strahlkraft haben nachgelassen. Eine Rückkehr des „verlorenen Sohnes“ ein, zwei Jahre früher, wäre besser gewesen. Doch das wurde erst durch Fredi Bobic möglich.

Bei den Pleiten gegen Bayern München und bei RB Leipzig saß der 34-Jährige nur auf der Bank und feuerte wie ein Co-Trainer seine Teamkameraden an, stand mehr neben der Bank und gestikulierte häufiger als etwa Dardais Assistent Zecke Neuendorf.

Hertha-Fans vermissen „richtige Typen“

Wenn ich mich mit langjährigen Fans von Hertha unterhalte, sagen viele unisono, dass sie Spieler vermissen, richtige Typen, wegen denen sie ins Stadion pilgern. Eben Führungsspieler. Früher habe es mehr solcher Profis gegeben, die auf dem Platz unermüdlich kämpften und glänzten, die auch mal über die Strenge schlugen, die polarisierten und sich den Anhängern in der Kurve stellten.

Als Boateng beim ersten Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg vom Stadionsprecher angekündigt wurde, bekam er aus der Ostkurve den größten Beifall aller Profis. „Wir brauchen wieder Persönlichkeiten, ein, zwei herausragende Typen, die man bewundert“, sagte mir Ur-Herthaner Helmut Friberg, der zum Zirkel derjenigen Fans zählt, die die meisten Auswärtspartien erlebt haben. Boateng könnte aufgrund seiner Herkunft im Wedding, seiner langen Hertha-Vergangenheit, seiner schillernden Vita und natürlich seiner Fähigkeiten ein solcher Typ sein. Doch er kommt auf zu wenige Einsatzzeiten, seine lange Karriere hat Spuren hinterlassen. Kritiker am Boateng-Transfer entgegnet Sportchef Fredi Bobic dennoch: „Er ist ein Glückgriff für den Klub. Er lebt Hertha auf und neben dem Platz mit jeder Faser.“

Wie wichtig einzelne Protagonisten für die Fans sind, um einer Mannschaft, einem Verein treu zu sein, habe auch ich als Fußballanhänger erlebt. Als Jugendlicher fuhr ich oft von meiner Heimatstadt ins eine knappe Autostunde entfernte Jena, um Carl-Zeiss-Mittelstürmer Peter Ducke live zu erleben. Den spektakulären Stürmer am Ball zu sehen, war ein Genuss. Eine Umfrage in Jena ergab damals, dass allein Ducke den Zuschauerschnitt deutlich angehoben habe. Ducke feiert in der kommenden Woche seinen 80. Geburtstag.

Viel später in Berlin, als ich als junger Reporter über den 1. FC Union berichtete, stieg Kapitän Olaf Seier zu meinem Lieblingsspieler auf. Der kampfstarke, charismatische Profi war in der Lage, enge Spiele allein zu entscheiden – mit einer genialen Aktion oder einem fulminanten Freistoß. Seier – das war Union für mich. Und auch für viele Fans.

Publikumsliebling Marcelinho – Leistung, Tore, Eskapaden

Bei Hertha hieß mein Liebling Marcelinho, der auch in der Gunst der Massen ganz oben stand. Der Brasilianer war genial auf dem Platz und für mich Herthas bester Spieler der letzten zwanzig Jahre. Außerhalb der Stadien war er feierwütig, gutmütig und leichtgläubig. Fans lockte er immer wieder ins Stadion – mit Leistung, mit Toren und auch wegen seiner Eskapaden.

Der wohl letzte Herthaner, der in die Kategorie „Zuschauermagnet“ fiel, war aus meiner Sicht Marko Pantelic. Der extrovertierte Serbe schoss wunderschöne Tore, gern auch mit dem Außenrist, trat theatralisch auf, malte Herzen in die Luft und suchte ständig die Nähe der Fankurve.

Was macht solche Typen aus, wegen denen die Fans ins Stadion strömen? Sicher die Spielweise (am liebsten spektakulär), das Auftreten, die Erfolgserlebnisse, für die sie maßgeblich sorgen, dazu Fannähe und besonders ausgefallene Aktionen.

Im Moment jedenfalls sehe ich im Hertha-Aufgebot noch keinen Profi, der zum Zuschauermagneten taugt. Aber das kann sich ja noch ändern.