Hertha-Keeper Alexander Schwolow (r.) war beim 3:4 in München nicht nur von den Gegentoren genervt, sondern auch von Thomas Müller (2. v. l.). Foto:  Imago Images

Man soll ja nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen. Doch wegen der Corona-Pandemie ist in den Stadien plötzlich alles hörbar. Die Geheimnisse der Geisterkulisse und wie sich das Spiel dadurch verändert, verrät Hertha-Torwart Alexander Schwolow (28) am „ekligen“ Beispiel Thomas Müller.

„Jetzt haben wir sie! Jetzt lassen wir sie nicht mehr raus!“ Mit Sprüchen wie diesen trieb der Bayern-Star seine Münchner beim knappen 4:3-Sieg der Münchner gegen Hertha vor 75.024 fast leeren Sitzen im Oktober an.

Sicher, die Psychospielchen des Schlitzohrs Müller gab es auch vor Corona. Doch durch die fehlenden Zuschauer fallen sie derzeit ganz anders ins Gewicht. „Müllers Gerede kann man nun gut hören“, berichtet Schwolow und erklärt die Wirkung: „Wenn einer die Jungs so steuert, ist das eklig und unangenehm, gegen so ein Team zu spielen.“

Die Gegner zu Fehlern zwingen

Doch es ergeben sich auch Vorteile – wenn man selbst laut genug ist. Für Schwolow, der nach seinem Wechsel vom SC Freiburg Rune Jarstein als Nummer eins ablöste, eine Selbstverständlichkeit: „Ich bin ein mitspielender Torwart und will mit meinen Kommandos den Kollegen helfen. Das geht jetzt wegen Corona besser als sonst.“

Weil er derzeit eben vor leeren Rängen nicht nur bis zum eigenen Strafraum kommt, sondern viel mehr Spieler als seine Verteidiger erreichen kann, hat Schwolow mehr Macht. „Man kann jetzt viel besser das Pressing einleiten oder schnelle Ballgewinne durch lautstarkes Rufen auslösen“, sagt Schwolow und erklärt: „Wenn alle schreien und es laut hallt, ist das schon beeindruckend.“

Sich selbst pushen, den Gegner zu Fehlern zwingen: Nach der Lektion von Müller klappte das bei Hertha in den vergangenen Spielen und vor allem beim befreienden 3:0-Sieg in Augsburg immer besser. „Mir fällt auf, dass wir mehr zusammenarbeiten und die Abstände geringer halten als noch in den Partien davor“, sagt Schwolow, der als Torwart neuerdings nicht nur das ganze Spielfeld im Blick, sondern eben auch im Ohr hat.

Schwolow warnt die Kollegen

Herthas Aufwärtstrend sorgte dafür, dass der Wiesbadener, der im Oktober stolzer Papa der kleinen Anouk wurde,  erstmals seit seinem Sieben-Millionen-Wechsel ohne Gegentor blieb. „Ich habe mich gefreut. Vor allem aber darüber, dass wir uns für die Arbeit endlich belohnt haben“, sagt Schwolow.

Weil die Blau-Weißen aber weiterhin zu wenig Punkte hätten, gebe es keinen Grund, euphorisch zu werden. „Wir dürfen keinen Deut nachlassen“, sagt Schwolow und warnt: „Sobald einer von uns nicht alles abruft, wird es schwierig.“

Dafür, dass diese Botschaft bei jedem Spieler ankommt, kann er ja derzeit besonders gut sorgen.