Omar Rekik zieht es Richtung FC Arsenal. Foto: imago images

Über den jüngsten blamablen Auftritt der Hertha in Bielefeld habe ich mich mächtig geärgert. Aber ich will die Pleite an dieser Stelle nicht kommentieren. Das haben meine Kollegen in dieser Zeitung schon ausführlich getan. Dennoch in aller Kürze: Den hochbezahlten Kickern fehlt die Siegermentalität, und die Worte von Trainer Bruno Labbadia („Wir haben in der Woche gut trainiert und wähnten uns schon weiter!“) kommen mir vor wie eine Endlosschleife. Das haben seine vielen Vorgänger doch auch schon von sich gegeben. Die Aussage von Sportdirektor Arne Friedrich vor dem Spiel („Wir sind besser als unser Tabellenplatz!“) wurde ad absurdum geführt.

Mich bewegt noch ein anderes Thema rund um die unausgewogene Kaderplanung: die zahlreichen Abgänge junger talentierter Fußballer. In der Vorwoche waren es mit Palko Dardai, 21, und Omar Rekik, 19, gleich zwei Jungprofis, die Hertha enttäuscht den Rücken kehrten.

Waren die Jungs zu ungeduldig?

Seit Labbadia zu Ostern vorigen Jahres das Amt des Cheftrainers übernahm, debütierten mit Torhüter Dennis Smarsch, 21, Lazar Samardzic, 18, Jessic Ngankam, 20, Marton Dardai, 18, und zuletzt Luca Netz, 17, fünf junge Profis, die ihre Ausbildung allesamt in der Hertha-Fußball-Akademie erhielten. Eine starke Quote. Doch dem gegenüber stehen die jüngsten Abgänge ehemaliger „Akademiker“.

Palko Dardai unterschrieb einen Vertrag bis 2025 beim ungarischen Erstligisten FC Fehervar. Er sah bei seinem Lieblingsklub nach seiner Abschiebung durch Trainer Ante Covic im Sommer 2019 in die U23 keine Zukunft mehr. Wenig später unterschrieb Omar Rekik einen Vierjahres-Kontrakt beim FC Arsenal.  Zuvor wechselten bereits Smarsch zum FC St. Pauli und Samardzic zu RB Leipzig. Sarmardzic und Rekik waren von den Hertha-Verantwortlichen oft überschwänglich als Juwelen gelobt worden. Jetzt funkeln sie anderenorts. Waren diese Jungs zu ungeduldig? Oder wurde ihnen ihre Perspektive nicht klar aufgezeigt? Natürlich hat jeder Wechsel seine spezielle Geschichte und unterschiedliche Ursachen.

Millioneninvestitionen verpuffen

Ich habe mich mit Thorben Marx ausgetauscht, der sich bestens auskennt in diesem Metier. Marx war vor zwanzig Jahren zusammen mit Benjamin Köhler der erste Spieler der Hertha-Akademie, der den Sprung in die Profimannschaft schaffte – unter Trainer Jürgen Röber. Insgesamt stehen stattliche 255 Bundesligaspiele für Hertha, Bielefeld und Mönchengladbach in seiner Vita. Marx sagt: „Es ist schade, dass so viele junge Spieler den Verein verlassen. Für die Außendarstellung sind Jungprofis, die den Sprung in die Liga schaffen, gut und wichtig.“ Bei Hertha, so Marx, sei die Erwartungshaltung sehr groß, was die Aufgabe für junge Spieler erschwere. „Wenn man es aber endlich in die Mannschaft geschafft hat, muss man seine Chance auch konsequent nutzen.“ Für Marx ist das viele Geld, das im Umlauf ist und von großen Klubs wie RB Leipzig oder Arsenal geboten wird, auch einer der Umstände, die Jungprofis den Kopf verdreht.

Noch ein Fakt scheint mir plausibel, eine Tatsache, die Marx selbst erlebt hat. Der ehemalige Profi: „Wenn du im eigenen Verein groß geworden bist, werden immer zuerst deine Schwächen gesehen und nicht deine Stärken!“ Das haben nun auch andere Jungs erfahren und suchen ihr Glück woanders. Gegenwärtig aber sollten die Erstliga-Kader Marton Dardai, Jessic Ngankam und Luca Netz selbstbewusst ins Team drängen. Die in Bielefeld desolat aufgetretene Truppe kann jugendlichen Kampfgeist, Elan und Enthusiasmus gut gebrauchen, denn rustikale Profis mit Siegermentalität, mutige Anführer, echte Kerle mit Ecken und Kanten hat Manager Preetz trotz Millioneninvestition nicht verpflichtet. Das fällt dem Klub nun auf die Füße.