Stehen bei Hertha BSC unter Druck: Trainer Pal Dardai (l.) und Sportchef Fredi Bobic.  City-Press

Der FC Viktoria 1889, Berlins sehr verheißungsvoll in die Dritte Liga gestarteter Aufsteiger steht nach sieben Spieltagen auf Rang zwei und strotzt deshalb vor Selbstbewusstsein. Ein kleines Beispiel gefällig: So ist etwa auf einer Tafel in der Geschäftsstelle zu lesen: „Berlins wahre alte Dame heißt Viktoria. Seit 1889.“

Die Anspielung Richtung Hertha BSC – der Verein feiert am 25. Juli 2022 seinen 130. Geburtstag – ist nicht zu übersehen. Viktoria ist tatsächlich drei Jahre und einen Monat älter als Hertha, die überall als die „Alte Dame“ tituliert wird.

Naja, eines ist der Hertha aber immerhin geblieben: In der aktuellen Saison der Ersten Bundesliga ist sie der älteste Klub! Doch Alter schützt vor Torheit nicht und das Team von Cheftrainer Pal Dardai dümpelt nach drei Spieltagen und drei Niederlagen auf dem letzten Tabellenplatz. Nach langer Pause muss ich mir in meinem Freundes-und Bekanntenkreis, wo nicht alle die blau-weiße Brille tragen, einen bekannten hämischen Spruch anhören: „Willst Du Hertha oben sehen, musst Du die Tabelle drehen!“

Nur Schalke öfters Letzter als Hertha 

Mein Ehrgeiz war geweckt. Ich wollte herausbekommen, wie oft die Hertha in der Ersten Liga schon die Rote Laterne trug, wann und wie sie aus dem Schlamassel herausgekommen ist – oder auch nicht.

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Meine mühsamen Recherchen ergaben Folgendes: Wenn ich hoffentlich nichts übersehen habe, stand der Klub seit 1963 satte 97 Mal auf dem letzten Platz! Das ist in diesem Fall Gott sei Dank nicht absolute Spitze. Dort thront Schalke 04 mit der Zahl 110.

Schuld an Herthas hoher Schlusslicht-Bilanz sind vor allem die Spielzeiten 1990/91 und 2009/10, die beide mit dem Abstieg endeten. Im Jahr nach dem Fall der Mauer belegte Hertha als Aufsteiger an 33 Spieltagen den letzten Rang! Profis wie Dirk Greiser, Theo Gries oder Mike Lünsmann müssen sehr gelitten haben unter dieser Situation. Und 2009/10 war Hertha unter den Trainern Lucien Favre und Friedhelm Funkel 29 Mal das Schlusslicht.

Was mir in der aktuellen Situation Mut macht ist die Tatsache, dass die Mannschaft unter Trainer Pal Dardai in dessen erster Amtszeit (Februar 2015 bis Mai 2019) nie Tabellenletzter war. Im Gegenteil, beim Studium der Spieltage tauchten viele erfolgreiche Duelle wieder vor meinem Auge auf und die Erkenntnis, dass diese Zeit eine sportlich sehr stabile Phase ohne jegliche Sorgen war. Der damalige Drang der Vereinsspitze, mit „attraktiverem“ Fußball schneller nach ganz oben zu kommen - aber unter einem neuen Trainer – erwies sich als krasser Fehler. Ante Covic, Jürgen Klinsmann, Alexander Nouri und Bruno Labbadia scheiterten samt Manager Michael Preetz eher kläglich an dieser Aufgabe. Zwei Jahre Stillstand und Abstiegssorgen waren die Folge.

Dardai und Bobic wollen Hertha-Neustart

Dardai hat zudem in der Endphase der letzten Spielzeit eine wertvolle Erfahrung machen können.  Er wurde als Retter in der Not geholt, musste aber bald selbst samt Trainerteam und kompletter Mannschaft wegen Corona in Quarantäne gehen. Derweil zogen die anderen abstiegsbedrohten Mannschaften, die spielen durften, in der Tabelle davon. Psychologisch eine enorm starke Belastung. Das hat den Ungarn wenig beeindruckt, er sicherte am vorletzten Spieltag den Klassenerhalt.

Nun haben Sportchef Fredi Bobic und Dardai nach dem Ende der turbulenten Transferperiode einen „Neustart“ ausgerufen. Bobic hat zuletzt den Kader von prominenten Egoisten, die aber allesamt starke Individualisten waren, befreit. Im Gegenzug wurden neue, laut Sportchef „hungrige“, oft junge Profis verpflichtet. Für mich bleibt aber die Frage, wie lange das Bündnis zwischen den ehemaligen Mannschaftskameraden Dardai und Bobic hält. Nachdem der Trainer öffentlich mit seinem Rücktritt kokettierte, was ich für einen großen Fehler halte, wurde er von seinem Vorgesetzten Bobic gemaßregelt. Was passiert, wenn der Re-Start in die Hose geht, kann sich jeder ausmalen. 

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