Waren mit der Leistung im Derby beim 1. FC Union nicht zufrieden. Chefcoach Pal Dardai und seine Co-Trainer Zecke Neuendorf und Admir Hamzagic (v. r.). Imago

Unmittelbar nach dem Derby ploppten zahlreiche WhatsApp-Nachrichten auf meinem Handy auf. Detlev Szymanek, ehemaliger Hertha-Stürmer aus den erfolgreichen 1970er-Jahren, dessen bekannteste Tat seine drei Tore binnen sieben Minuten gegen Bayern München waren (Hertha unterlag 1976 dennoch 4:7), schrieb mir: „Endgültige, verdiente sportliche Wachablösung in Fußball-Berlin…Bravo Union!“

Der Schauspieler Andreas Schmidt-Schaller, Mitglied bei Hertha und Union, lobte: „Hochverdienter Union-Sieg“, und klagte: „Hertha hat keinen Anführer, die Mannschaft passt nicht zusammen.“ Und ein langjähriger Freund, der viele Jahre im Olympiastadion Hertha mit Herzblut verfolgte, war gar wütend: „Bitte fordere in deiner Kolumne die Ablösung von Dardai und mache dich für Miroslav Klose als neuen Trainer stark. Habe die Schnauze voll!“

Hertha nicht in Derby-Form

Letzteres werde ich nicht tun, aber Fragen an den Cheftrainer habe ich schon. So wie sie auch Herthas ehemaliger Kapitän Axel Kruse schon während des enttäuschenden Derby-Auftritts der Blau-Weißen auf der Zunge trug. Ich verfolgte nämlich das Duell zuerst auf dem Podcast „Hauptstadtderby“ des RBB, wo man die vier Protagonisten auch live und hautnah auf YouTube bei der Arbeit sehen konnte.

Moderator Dirk Walsdorff, Reporter Jakob Rüger und die beiden Experten Axel Kruse für Hertha und der einstige eisenharte Innenverteidiger Christian Beeck für Union waren einfach klasse! Fachlich top, meinungsstark und unterhaltsam. Kruse verstand die Einwechslungen von Kevin-Prince Boateng und Dennis Jastrzembski durch Pal Dardai überhaupt nicht, der Auftritt der Hertha tat dem ehemaligen Stürmer körperlich sichtbar weh.

Imago
Pal Dardai wechselte mehrmals, brachte Jurgen Ekkelenkamp und Kevin-Prince Boateng. Beide hatten keine nennenswerten Szenen im Derby beim 1. FC Union.

Was ich später nicht verstand, war eine der Erklärungsversuche der Pleite durch den Trainer. Die Mannschaft sei nicht spritzig, nicht frisch, nicht griffig genug gewesen. Aber warum? Zwei Wochen waren Zeit, um sich auf das Derby vorzubereiten – körperlich und mental. Vor dem Spiel hieß es von allen Spielern, dass sie „alles raushauen werden“. Der Kampfgeist, das bedingungslose Grätschen war aus meiner Sicht beim 1:1 gegen Bayer Leverkusen weitaus stärker zu sehen, als in der Alten Försterei. Dardai sagte, man habe in der Woche vor dem Derby vor allem ständig die Offensive geübt. Zu sehen war davon nichts.

Miese Werte bei Herthas Stürmern

Wenn man sich die Vita samt Tor-Bilanzen der Angreifer anschaut, sieht man, dass beinahe alle ihre besten Quoten schon vor längerer Zeit erzielt hatten. Krzyztof Piateks erfolgreichste Zeit war in der Saison 2018/19, als er für CFC Genua in der Serie A in 19 Spielen stattliche 13 Tore schoss und in der Coppa Italia nochmal sechs Treffer in zwei Spielen. Auch Ishak Belfodil, Davie Selke oder Stevan Jovetic konnten ihre größten Erfolgserlebnisse vor zwei oder drei Jahren feiern.

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Pal Dardai kritisierte vor allem Herthas Offensivspiel. Kris Piatek und Co. blieben gegen den 1. FC Union nahezu wirkungslos.

Vor dem Derby ging es ständig um die Frage, wer die Nummer eins in der Stadt ist. Für Pal Dardai ist das ganz klar Hertha. Er verwies auf die „ewige Tabelle“ der Bundesliga, in der Hertha auf Platz 12 steht – eingerahmt vom 1. FC Kaiserslautern und vom VfL Bochum und Union nach erst zweieinhalb Spielzeiten im Oberhaus auf Rang 41.

Union hat Hertha überholt

Außerdem liege Hertha in der Nachwuchsarbeit vorne. Das trifft zu. Doch derzeit ist der 1. FC Union sportlich klar die Nummer eins, hat die bessere Mannschaft, liegt seit 44 Spieltagen in der Tabelle vor Hertha, besitzt aus meiner Sicht die größere Lobby bei wichtigen Institutionen in der Stadt und beim Senat. Die Frage nach der Nummer eins, die vor allem die Medien und die Fans beschäftigt und natürlich wichtig für das Selbstverständnis von Spielern, Trainern und Verantwortlichen beider Klubs ist, sollte Hertha erstmal hintenanstellen.

Jetzt ist etwas Demut gefragt und vor allem harte Arbeit, damit die vermeintlich für ewig zementierte, vor allem historisch begründete Vormachtstellung nicht weiter ins Wanken gerät. Dass diese wackelt, sieht jeder.

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