Marcel Lotka war einst nur Torhüter Nummer fünf bei Hertha BSC, hat nun aber großen Anteil am Aufschwung im Abstiegskampf. Foto: Imago

Der athletische Mann ist erst 20 Jahre jung, stattliche 190 Zentimeter groß, selbstbewusst und temperamentvoll. Das Wichtigste: er glänzt als Fußball-Profi im Tor, beherrscht seinen Strafraum und besitzt meist die Lufthoheit. Es geht um Marcel Lotka, deutsch-polnischer Keeper – noch in Diensten der Hertha.

Als im jüngsten Duell gegen den VfB Stuttgart ein halbes Dutzend Eckbälle und zahlreiche gefährliche Flanken in den Berliner Strafraum segelten, kam bei mir als Tribünengast keinerlei Unruhe auf. Ich vertraute den Fähigkeiten von Lotka und wurde nicht enttäuscht. Der Keeper, der beim enorm wichtigen 2:0-Sieg erst sein siebtes Bundesligaspiel bestritt, pflückte alle Bälle souverän herunter. Das konnte man in der Vergangenheit von Herthas eigentlicher Nummer eins, Alexander Schwolow, nicht immer behaupten.

Marcel Lotka erlebt bei Hertha ein Dilemma

Die jüngste Geschichte, die Herthas Torhüter-Hierarchie betrifft, sorgt immer wieder für Aufmerksamkeit. Youngster Lotka stieg ja mitten im krassen Kampf um den Klassenerhalt im Eiltempo von der Nummer fünf bis zur aktuellen Stammkraft auf. Nach den Ausfällen von Schwolow (29), Rune Jarstein (37), Oliver Christensen (23) und Nils Körber (25) wegen Corona und diverser Verletzungen kam die Chance für Lotka, die er forsch ergriff. In seinen Einsätzen kann ich mich nur an einen Fehler beim 1:4 gegen Eintracht Frankfurt erinnern. Beim Derby gegen Union hielt er mit Dutzenden starken Paraden seine Mannschaft lange im Spiel.

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Die Torhüter Volkmar Groß (l.) und Gernot Fraydl wechselten sich unter Hertha-Trainer Helmut „Fiffi“ Kronsbein regelmäßig ab.

Ich glaube, nicht nur ich finde es inzwischen schade, dass Lotka, der bis vor wenigen Wochen keine Perspektive bei Hertha sah und Hertha keine für den Keeper, noch vor seinem ersten Einsatz gegen den SC Freiburg am 26. Februar einen Vertrag bis 2024 bei Borussia Dortmund II in der Regionalliga West unterschrieb. Das nennt man wohl den „Fluch der frühen Unterschrift“.

Hertha-Urgestein Nello di Martino, langjähriger Torwarttrainer, sagte mir: „Lotkas Entwicklung ist sehr gut. Er setzt seinen Körper voll ein, hält die Bälle fest, ist präsent. Seine Entscheidung für einen Wechsel war zu dem damaligen Zeitpunkt sicher richtig, aber nun schade für Hertha.“

Hertha BSC besaß immer gute Torhüter

2004 lieferten sich Hertha-Torwart Gabor Kiraly und Konkurrent Christian Fiedler einen Zweikampf. Foto: Imago

Hertha BSC besaß immer gute Keeper – von Wolfgang Fahrian über Norbert Nigbur bis zu Jaroslav Drobny. Wichtig war aber aus meiner Sicht, dass es oft jahrelange Konkurrenz unter zwei beinahe gleichwertigen Torhütern gab, die sich gegenseitig zu starken Leistungen trieben. Das begann schon 1968 mit einem Zweikampf, der dank Trainer Helmut „Fiffi“ Kronsbein ungewöhnliche Ausmaße annahm. Die Nummer eins, Volkmar Groß, hatte sich verletzt und Hertha holte Österreichs Nationaltorhüter Gernot Fraydl. Da sich beide später als gleichstark erwiesen, ließ Kronsbein rotieren und wechselte jeweils nach zwei Spielen den Keeper. Eine gewagte Maßnahme, die aber lange gut ging.

Legendär war ab 1997 für viele Jahre die Konkurrenz zwischen Christian Fiedler und Gabor Kiraly, von der beide enorm profitierten. Fiedler besitzt noch heute große Reputation in Berlin und Kiraly stieg dank großem Können und grauer langer Schlabberhose gar zum Kult-Keeper auf.

Marcel Lotka hilft Hertha im Abstiegskampf

Noch später forderte Thomas Kraft seinen aus Norwegen geholten Konkurrenten Rune Jarstein immer wieder. Nello di Martino: „Thomas hat im Training immer enorm Druck gemacht und Rune zu großen Leistungen getrieben.“ Solch eine Konkurrenz fehlt im Moment in Herthas Torhüter-Kosmos. Der Plan von Sportchef Fredi Bobic ist es, dass der Däne Oliver Christensen (ein A-Länderspiel) Alexander Schwolow ernsthafte Konkurrenz machen soll. Verletzungen verhinderten das. Vom Herausforderer Christensen, der im Sommer 2021 für drei Millionen Euro Ablöse aus Odense kam, gibt es noch kein klares Bild.

Zurück zu Marcel Lotka: für mich ist der Keeper bislang ein wichtiger Mosaikstein im Kampf um den Klassenerhalt. Man darf gespannt sein, wie Borussia Dortmund mit ihm in Zukunft umgehen wird. Das Zeug zum erstklassigen Keeper besitzt er allemal.

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