Hertha-Trainer Otto Rehhagel erlebte 2012 einen seiner bittersten Momente in seiner Laufbahn. imago/Bernd König

Wer es mit Hertha BSC zu tun hat, gewöhnt sich an einiges. Besonders an die regelmäßig auftauchenden Super-GAUs. Der nächste Störfall im blau-weißen Pannen-Kraftwerk ist da. Schocken konnte mich das am Wochenende nach über 30 Jahren als Hertha-Reporter nicht mehr. Auf den letzten Metern den sicheren Klassenerhalt mit drei Versuchen beim 1:1 in Bielefeld, dem 1:2 gegen Mainz und dem 1:2 (trotz 1:0-Führung) in Dortmund vergeigt und ab in die Relegation gegen den Hamburger SV. Irgendwie typisch Hertha, oder? Dramen auskosten bis zum Masochismus.

Relegation – das Wort löste dann aber bei mir ein quälend beängstigendes Gefühl aus. Hilfe, die alten Bilder aus dem Jahr 2012 sind wieder im Kopf. Otto Rehhagel auf der Tartanbahn im Olympiastadion. Otto Rehhagel im Sprint in die Katakomben der Düsseldorfer Arena nach dem chaotischen Platzsturm. Otto Rehhagel in der DFB-Zentrale als Zeuge bei Sportgerichts-Marathonsitzungen bis Mitternacht und vier Hertha-Profis auf der Anklagebank. Erst nach weiteren zehn Tagen war der Abstieg amtlich besiegelt.

Entschuldigen Sie, liebe Leser, ich bin da vorbelastet. Relegation ist Tortur und nichts weiter. Für alle, auch für Reporter. 2011/12 – was für eine peinliche Hertha-Saison. Zoff mit Trainer Markus Babbel im Dezember 2011, „Baron Münchhausen“-Vorwürfe von Präsident Werner Gegenbauer wegen etlicher Ungereimtheiten bei der Vertragsverlängerung des Trainers und schließlich Babbels Rausschmiss zur Winterpause.

Hertha freute sich zu früh über Rang 16

Es folgte die minimal-temporäre Coach-Erscheinung Michael Skibbe, der in vier Bundesliga-Spielen einen legendären Punkteschnitt von 0,0 holte. Der damalige Manager Michael Preetz sah den Fehler ein und reagierte. König Otto Rehhagel, immerhin damals schon 73 Jahre alt, wurde aus der Rente reaktiviert und schaffte tatsächlich am letzten Spieltag mit einem 3:1 gegen Hoffenheim (bei der TSG hatte da schon jener Markus Babbel angeheuert) noch das Wunder, von Rang 17 auf den Relegationsplatz zu „klettern“. Die Rettung war wieder möglich.

Doch die blau-weißen Profis hatten sich zu früh gefreut. Gegner war Traditionsklub Fortuna Düsseldorf, der nach jahrelanger Krise erst drei Saisons wieder in der Zweiten Liga spielte und eigentlich nur Außenseiterchancen hatte. Doch Hertha verlor das Hinspiel trotz 1:0-Pausenführung mit 1:2, weil Stürmer Adrian Ramos ins eigene Tor traf.

Es war nur die Ouvertüre für den größten Relegationsskandal der Bundesliga. Als ich fünf Tage später in die Düsseldorfer Arena kam, ahnte ich schon, dass es ein Chaos-Abend wird. Nervöse, überforderte Ordner, die schon lange nicht mehr in so einem vollen Stadion gearbeitet hatten. Es nahm seinen unguten Lauf.

Herthas Kobiaschwilli wird ein halbes Jahr gesperrt

Hertha lag 1:2 zurück, die blau-weißen Fans zündeten Bengalos, die Düsseldorfer auch. Die landeten als gefährliche Geschosse auf dem Spielfeld, Schiedsrichter Wolfgang Stark unterbrach die Partie in der 54. Minute zum ersten Mal. Raffael machte in der 85. Minute den Ausgleich zum 2:2. Wieder Feuerchaos, wieder Unterbrechung. Und die Androhung des Spielabbruchs wegen Sicherheitsbedenken. Sieben Minuten Nachspielzeit.

Und dann passierte es: Düsseldorfer Fans stürmten den Platz, als das Spiel noch nicht vorbei war, ramponierten den Rasen. Schiri Stark unterbrach wieder und flüchtete wie auch die Kicker in die Katakomben. Das Spielfeld wurde geräumt, alle standen wieder auf dem Platz. Trotzdem ging es nicht weiter, alle gingen erneut in die Kabine.

Fans der Düsseldorfer Fortuna stürmen das Spielfeld, obwohl die Partie gegen Hertha BSC noch nicht abgepfiffen war. imago/Eibner

Erst nach weiteren 20 Minuten wurde das Spiel fortgesetzt. Und von Stark ganz schnell wieder abgepfiffen. Für Herthas Spieler zu schnell. Thomas Kraft, Christian Lell und Kapitän Andre Mijatovic beleidigten den Referee aus Bayern daraufhin. Lewan Kobiaschwili soll Stark sogar geschlagen haben. Obwohl er die spätere Strafe von einem halben Jahr Sperre akzeptierte, beteuerte Kobiaschwili immer, dass er bei dem Gedränge auf der Treppe zu den Stadionkatakomben geschubst worden sei und auf Stark gefallen sei.

Otto Rehhagel und der friedlichste Spieler seit dem Zweiten Weltkrieg

Und jetzt kommt wieder Otto Rehhagel ins Spiel. Hertha legte Einspruch wegen Sicherheitsmängeln ein, wollte beim DFB eine Spielwiederholung einklagen. Die wurde erst vom Sportgericht, dann auch vom DFB-Bundesgericht abgeschmettert.

Während der Marathonverhandlungen Ende Mai 2012 gab Rehhagel den legendären Satz zu Protokoll: „Lewan Kobiaschwili ist der friedlichste Spieler seit dem Zweiten Weltkrieg.“

Ich saß damals mit im Saal bei der zehnstündigen Sitzung, war übermüdet bis genervt. Als Rehhagel den Kobiaschwili-Spruch brachte, war ich wieder wach und konnte bei dem ganzen Drama doch ein bisschen schmunzeln. Zum Lachen war das alles aber ganz und gar nicht. Relegation kann so grausam sein.

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