Jürgen Klinsmann (55). Foto: dpa/zb/Soeren Stache

Der Tag nach der Klinsi-Flucht. Während Interimscoach Alexander Nouri das Training leitete, glühten die Telefondrähte zwischen Manager Michael Preetz, Präsident Werner Gegenbauer und Investor Lars Windhorst. Heute gibt es den großen Schulterschluss zwischen den Dreien bei einer Pressekonferenz. Vieles deutet daraufhin, dass Klinsmann vom Aufsichtsratposten der KGaA abberufen wird. Das letzte Wort hat Windhorst. Klinsmann ist der große Verlierer. Alle fragen sich: Wie konnte der Ex-Bundestrainer seinen Ruf in nur ein paar Stunden durch seinen Amok-Rücktritt so ruinieren?

Im Internet ist er zur Witzfigur geworden. Die BVG nahm seinen miesen Abgang nach nur 77 Amtstagen per Facebook-Mitteilung als willkommenen Werbegag auf: „Direkt nach dem Einstieg zügig zurücktreten. Als Fahrgast wäre Jürgen Klinsmann vorbildlich.“

In den 80er Jahren stehen geblieben

Der Schwabe und Wahl-Kalifornier hält sich gerne in den parasozialen Netzwerken auf und mimt so den modernen Kosmopoliten. Doch Klinsmann ist im Kopf in den 80er Jahren stehen geblieben, groß geworden mit US-TV-Serien wie Dallas.

Er spielt sein Leben lang drei Rollen abwechselnd. Bösewicht JR Ewing, den smarten, jüngeren Bruder Bobby und den Gegenspieler Cliff Barnes, den Verlierer, der Angst hat, zu gewinnen. Das ist die Welt des Jürgen Klinsmann. Ganz profan, aber bestimmt nicht mit Visionen. Geld, Macht und das Ego, mehr nicht.

Böses Spiel mit Maier, Kahn und Petry

JR spielte er beim Torwarttrainer Sepp Maier, den er beim DFB in Rente schickte, bei Torwart-Titan Oliver Kahn, den er bei der WM 2006 auf die Bank verbannte. Bei Hertha wurde Torwarttrainer Zsolt Petry von Klinsmann abserviert. Bobby Ewing ist er vor der TV-Kamera, immer lächelnd, immer freundlich.

Und dann ist da noch der Cliff Barnes in seiner Seele. Wenn er verliert, wird er zum kindlichen Wüterich. Auswechslung als Bayern-Stürmer – einfach mal in die Tonne treten. Gefeuert als erfolgloser Bayern-Trainer – vergiftete Kritik an dem Verein und ihren Bossen und sich selbst in Unschuld waschen. Bayerns damaliger Manager Uli Hoeneß sagte dazu in einer TV-Talkshow: „Wenn Klinsmann der Obama des deutschen Fußballs ist, bin ich Mutter Theresa. Er hat Unwahrheiten erzählt. Klinsmann war bei Bayern der Trainer mit den meisten Kompetenzen und darüber hinaus.“

Die Dinge wiederholen sich. Klinsmann will Macht, das alleinige Sagen wie JR. Darum ging es auch bei Hertha. Er drängte nicht nur auf eine Vertragsverlängerung, nein, er wollte nicht nur Cheftrainer sein, sondern gleichzeitig Manager und Sportdirektor. Diese Diskussion wollte die Vereinsbosse erst führen, wenn der Klassenerhalt gesichert ist und Klinsmann seinen Trainerjob nicht nur befriedigend, sondern gut gemacht hätte.

Wie ein trotziges Kind

Zuletzt sah die Leistung des Teams aber mangelhaft bei dem müden 1:3-Heimkick gegen Mainz aus. Dazu Pfiffe der Fans, ein nicht mal halbvolles Stadion aus dem viele Anhänger in der Schlussphase vor Grausen flüchteten. Der Klinsi-Antrittsoptimismus war weg und die nächsten ungemütlichen Gegner mit Paderborn, Köln, Düsseldorf und Bremen waren vor der Brust und das Gefühl schlich sich ein, dass keine Verbesserung des Offensiv-Spiels eintreten wird. Trotz der 76 Millionen Euro für neue Spieler. Klinsmann pochte trotzdem weiter auf einen neuen Vertrag, als ihm signalisiert wurde, dass er warten müsse, kam das trotzige Kind wieder durch und schmiss hin.

Sein größter Affront gegen Herthas Bosse ist nicht die Entscheidung an sich, nein, es ist vor allen Dingen die Art mit seiner persönlichen Rücktrittserklärung per Facebook, bevor er sie mit dem Verein absprach. Auch sein Facebook-Erklärungsversuch am Mittwochabend war nichts weiter als ein unbeholfener, wirrer Versuch, die Schuld auf andere abzuwälzen.

So hat es vielleicht in den 80er Jahren funktioniert, vielleicht schon damals auch nur bei der Seifen-Oper Dallas. Die Realität sieht anders aus: Klinsmann hat sich selbst demontiert, weil er sich nie als Mensch weiterentwickelt hat.