Die Szene, über die alle sprechen: Jordan Torunarigha dreht durch, doch nicht nur er sieht in der Folge die rote Karte. Foto: Bongarts/Getty Images

Hertha ist raus aus dem Pokal. 2:3 nach Verlängerung auf Schalke, weil die letzten zwanzig Minuten nur noch mit zehn Mann gespielt wurde. Jordan Torunarigha flog vom Platz. Er schmiss eine Getränkekiste vor Wut und Frust auf den Boden. Nach dem Spiel kam der wahre Grund für seinen Ausraster heraus. Und der ist ein Skandal! Torunarigha wurde von vereinzelten Schalke-Fans rassistisch mit Affenlauten beleidigt. Aus dem Opfer wurde ein Täter gemacht.

Torunarigha war längst in der Kabine, da ergriff Kapitän Niklas Stark zwanzig Minuten nach dem Abpfiff das Wort und klärte den ganzen Skandal auf. „Es gab rassistische Beleidigungen von der Tribüne. Jordan ist ein emotionaler Spieler. Wenn so etwas passiert, wäre ich wahrscheinlich auch ausgerastet. Sowas geht nicht. Das ist abstoßend“, sagte Stark.

Rassismus schon als Kind erlebt

Der Vorfall soll sich in der 70. Minuten ereignet haben, als Torunarigha sich an der Seitenlinie behandeln ließ. Torunarigha schäumte vor Wut. Torwart Rune Jarstein und Abwehr-Chef Dedryck Boyata probierten den 22-Jährigen zu beruhigen. Torunarigha gilt zwar als Heißsporn. Doch diesmal war es kein Adrenalin aus dem Spiel heraus. Es waren die miesen Schmähungen wegen seiner Hautfarbe. Schon als Kind musste er in seiner Geburtsstadt Chemnitz so etwas ertragen. „Ich wurde damals komisch angeschaut und habe eine Abneigung mir gegenüber gespürt. Mein älterer Bruder musste mich damals vom Training abholen,“ sagte Torunarigha bereits dem KURIER über den damals erlebten Rassismus.

Das alles kam bei ihm auf Schalke wieder hoch, die Tränen flossen. Das bestätigte Schalkes Siegtorschütze Benito Raman: „Torunarigha hat auf dem Platz geweint und wollte aufhören. Ich habe die Rufe nicht gehört, ihm aber Mut zugesprochen und gesagt, dass er weitermachen soll.“

Auch Hertha-Trainer Jürgen Klinsmann sah, wie es um Torunarigha Gefühlswelt stand. Manager Michael Preetz informierte Schiedsrichter Harm Osmers (Hannover) nach der regulären Spielzeit und vor der Verlängerung. Das gab auch gestern der DFB zu (s. Text rechts). Klinsi: „Wir haben dem Schiri gesagt, dass wir Jordan schützen müssen. Er ist ein junger Mensch, der darf damit nicht allein gelassen werden.“

Osmers äußert sich nicht

Stattdessen nahm das Unglück seinen Lauf. Schalkes Omar Mascarell senste Torunarigha in der 100. Minute rüde um. Der Deutsch-Nigerianer rutsche in Schalke- Trainer David Wagner rein. Torunarigha wütete, nicht gegen Wagner, nicht gegen Mascarell. Er ließ seine angestaute Wut an einer Getränkekiste aus, warf sie auf den Boden und sah dafür Gelb-Rot. Osmers blieb trotz des Wissens über die Schmähungen gegen Torunarigha gnadenlos.

Sehr zum Unmut von Klinsmann: „Da muss man Fingerspitzengefühl und nicht die zweite Gelbe Karte zeigen.“ Stattdessen macht der Schiri das Opfer zum Täter.

Wagner, den Osmers nach Video-Beweis mit Rot aus dem Innenraum verwies, obwohl der Coach Torunarigha beim Aufstehen helfen wollte, verhielt sich auch danach als fairer Sportsmann: „Wenn der Junge rassistisch beleidigt wurde, möchte ich mich bei ihm und Hertha entschuldigen.“ Schalkes Sportvorstand Jochen Schneider zeigte sich auch mit Torunarigha solidarisch: „Mir fehlt jegliches Verständnis für Vollidioten dieser Art.“ Die Knappen wollen die Täter ermittlen.

Preetz bedankt sich bei S04

Osmers äußerte sich nicht, fertigte aber noch in der Nacht einen Sonderbericht an. Was dort drinsteht, ist intern. Wahrscheinlich entlastende Argumente für Torunarigha.

Wir verurteilen jegliche Form von Rassismus auf das Schärfste! Rassistische Beleidigungen sind in jedem Stadion ebenso wie in jeder anderen Situation des Lebens zu verurteilen“, sagte Preetz. „Uns alle hat dieser Vorfall sehr getroffen und wir stehen geschlossen hinter unserem Spieler“, erklärte Preetz am Mittwoch. Herthas Manager bedankte sich bei Schalke „für die besonnene Reaktion“ direkt nach Spielschluss. „Nur gemeinsam werden wir diesem Problem Herr werden.“

Anmerkung der Redaktion: Die Ursprüngliche Version dieses Textes gab die Vorgänge um Jordan Torunarigha nur unvollständig wieder.