Hertha hat eine lange Tradition und zuletzt drei fast schon katastrophale Jahre hinter sich: In der neuen Saison soll endlich alles besser werden ...
Hertha hat eine lange Tradition und zuletzt drei fast schon katastrophale Jahre hinter sich: In der neuen Saison soll endlich alles besser werden ... City-Press/Mathias Renner

Es ist sehr viel passiert, seit sich die Hertha-Kolumne in die Sommerpause verabschiedet hatte. In meiner davor letzten Kolumne vom 1. Juni hieß die Überschrift drei Wochen vor der spannenden Kür eines neuen Hertha-Präsidenten: „Trotz aller Kritik: Klaus Wowereit wäre der perfekte Präsident für Hertha BSC“. Nun ja, aus Wowereit (SPD), den ich als möglichen Kandidaten ins Spiel gebracht hatte, wurde Frank Steffel (CDU), der 2001 bei der Wahl des Regierenden Bürgermeisters von Berlin Wowereit klar unterlegen war.

Steffel ging nun erneut als Verlierer vom „Platz“, weil der erst 41-jährige Ur-Herthaner Kay Bernstein – ja, das darf man auch zu solch einem noch jungen Mann sagen – in der Gunst der Hertha-Mitglieder deutlich höher stand als Gegenkandidat Steffel. Der Inhaber einer Kommunikations- und Eventagentur wurde nach seiner doch etwas überraschenden Wahl zum Boss von einem TV-Sender zum anderen gereicht.

Der Grund: sein Alleinstellungsmerkmal. Er ist der erste Präsident eines Bundesligisten, der einst als Fan und Ultra – sogar als Vorsänger der Ostkurve im Olympiastadion bei Hertha – seine Spuren hinterließ. Über 15 Jahre ist das allerdings her. Vorige Woche hatte ich die Gelegenheit, lange mit Bernstein zu sprechen.

Hertha-Boss Kay Bernstein braucht langen Atem

Der war als 14-Jähriger zum ersten Mal 1994 bei einem Hertha-Spiel im Olympiastadion. Im Laufe unseres Gesprächs konnte ich feststellen, dass wir beide viele Ereignisse rund um Hertha BSC zeitgleich erlebt haben – Bernstein aus der Kurven-Perspektive des jungen glühenden Anhängers, ich als schon gestandener Reporter.

Der neue Präsident will vor allem: alle Strömungen im Klub vereinen, viele zuletzt enttäuschte Mitglieder mit ehrlicher Kommunikation zurückgewinnen, die Identifikation mit Hertha stärken, den Verein endlich wieder nahbarer und bodenständiger machen – und natürlich sportlichen Erfolg. Etliche hohe Hürden muss Bernstein garantiert überwinden und einen langen Atem haben.

Auf Flügelflitzer Chidera Ejuke, der von ZSKA Moskau kam, liegen bei Hertha große Hoffnungen.
Auf Flügelflitzer Chidera Ejuke, der von ZSKA Moskau kam, liegen bei Hertha große Hoffnungen. City-Press/Jan-Philipp Burmann

Aber nicht nur der Präsident ist neu, auch der Cheftrainer Sandro Schwarz und zahlreiche Profis. Ich möchte nicht in der Haut von Sportchef Fredi Bobic stecken, der mit finanziell überschaubaren Mitteln Volltreffer auf dem Transfermarkt landen muss. Ein Transferüberschuss von über 20 Millionen Euro soll erwirtschaftet werden. Das kommt einem Spagat gleich.

Marvin Plattenhardt ist neuer Hertha-Kapitän

Neu ist auch der Mannschaftskapitän. Trainer Schwarz bestimmte den 30-jährigen Abwehrmann Marvin Plattenhardt, der einst sieben Länderspiele bestritt, zum neuen Spielführer. Der Mann mit dem „goldenen“ linken Fuß besaß maßgeblichen Anteil daran, dass Hertha den 130. Vereins-Geburtstag am Montag als Erstligist feiern konnte. Im entscheidenden zweiten Relegationsspiel beim Hamburger SV gehörte „Platte“ zu den herausragenden Akteuren und erzielte mit einem raffinierten Freistoß das erlösende 2:0.

Böse Erinnerungen an Braunschweig

Was erwarte ich nun von der neuen Saison? Auf Vereinsebene keine abgehobenen Marketing-Aktionen mehr, stattdessen die Rückkehr der Mannschaft in die Kieze, eine offene Kommunikation und Zusammenhalt der Gremien. Sportlich muss Trainer Schwarz eine Gruppe formen, die die Bezeichnung „Mannschaft“ oder auch „Kollektiv“ verdient, die mit Kampfgeist die Fans wieder zu 100 Prozent hinter sich bringt.

Am Sonntag (18 Uhr) muss Hertha zum Saisonauftakt im DFB-Pokal zu Zweitliga-Aufsteiger Eintracht Braunschweig reisen. Dieses Duell lässt bei mir alle Alarmglocken schrillen, denn am 11. September 2020 war die Eintracht im Pokal der gleiche Gegner im ersten Saisonspiel. Hertha unterlag mit Trainer Bruno Labbadia 4:5! Welch ein Tohuwabohu! Zuvor waren alle drei Testspiele verloren gegangen. Hertha unter Schwarz hat nun auch alle drei Tests in England mit Niederlagen beendet …

Pal Dardai verdient ordentlichen Abschied

Eine Tatsache zum Schluss, die auch traurig stimmt: Hertha-Legende Pal Dardai ist kein Angestellter des Vereins mehr. Sein Vertrag wurde aufgelöst, eine stattliche Abfindung gezahlt. Auch in der Nachwuchs-Akademie war kein Platz mehr für den Mann, der von sich sagte, er habe blau-weißes Blut. Präsident Kay Bernstein fordert auch eine neue Abschiedskultur für verdienstvolle Herthaner. Bei Dardai sollte man damit beginnen.

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