Hertha-Sportchef Fredi Bobic (50) ist mit der Entwicklung seit Sommer zufrieden, sieht aber auch noch viel Arbeit vor sich. Imago

Die Spannung steigt, nur noch Stunden bis zum Anpfiff des Derbys zwischen dem 1. FC Union und Hertha BSC (Sonnabend, 18.30 Uhr). Auch Hertha-Boss Fredi Bobic (50) ist heiß auf das Stadtduell. Im großen KURIER-Interview erzählt Bobic, was er über sein erstes Berliner Derby als Hertha-Manager denkt.

KURIER: Herr Bobic, welchen besonderen Reiz hat das Derby?

Fredi Bobic: Es gibt nicht mehr viele Stadtduelle, in Deutschland in der Bundesliga sonst gar keine mehr. Darauf können wir stolz sein. Und natürlich hat das Derby einen speziellen Charakter und ist etwas Besonderes. Für alle, vor allem für die Fans. Da gibt es Neckereien unter Freunden oder Geschäftspartnern, die jeweils dem anderen Klub zugeneigt sind. Das macht doch ein Stadtduell aus.

Wie schlägt Hertha den 1. FC Union?

Mit einer Topleistung. Wir müssen gut verteidigen und giftig sein, wenn es vor das Tor geht. Die Voraussetzungen sind spannend. Beide Teams probieren die Null zu halten, sind aber heiß darauf, den entscheidenden Stich zu setzen. Wir wissen, wie Union dasteht, was sie ausmacht, wie kompakt sie miteinander verteidigen.

Sie haben sich gut entwickelt, viel in die Infrastruktur investiert, den Kader peu à peu verstärkt. Das verdient Anerkennung.

Hertha-Boss Bobic über die Entwicklung des 1. FC Union.

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Ist Union derzeit ein Vorbild für Hertha?

Nein, wir gehen schon unseren eigenen Weg. Aber wenn man sich anschaut, wie sich Union entwickelt hat, muss man anerkennend festhalten, dass sie es von unten nach oben mit einem organischen Wachstum geschafft haben. Mit einer sehr ruhigen Hand und klaren Maßgaben, welche Spieler sie holen und für was sie stehen möchten. Dazu haben sie einen hervorragenden Trainer, der das perfekt umsetzt. Seine Handschrift ist auf dem Spielfeld klar zu erkennen. Dadurch haben sie Kontinuität bekommen. Sie machen das gut, aber kopieren muss man das nicht. Jeder Verein hat seine eigene DNA.

Ist Hertha noch die Nummer eins in Berlin?

Zur Nummer eins in der Stadt wird man nicht innerhalb einer Saison. Das ist einfach so und das sehe ich ganz nüchtern und nicht mit der Hertha-Brille. Aber sie haben sich gut entwickelt, viel in die Infrastruktur investiert, den Kader peu à peu verstärkt. Das verdient Anerkennung.

Und am Ende kam ein gemischter Salat dabei heraus, der eher ungenießbar war.

Fredi Bobic über Herthas jüngere Vergangenheit. 

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Bobic und Hertha-Sportdirektor Arne Friedrich krempelten im Sommer den blau-weißen Kader um. 

Kann man noch von einem Ost-West-Duell sprechen?

Ganz ehrlich: Für mich ist das absoluter Unsinn. Berlin ist so in sich zusammengewachsen. Jeder Kiez hat seine eigene Kultur und Mentalität. Als Zugereister, der über 20 Jahre in Berlin lebt, finde ich, dass man das respektieren sollte. Diese Stadt ist so divers, so bunt, dass diese typischen Vergleiche, dieses Ost-West-Gerede und die Mauer bei den Jüngeren kein Thema sind. Das passt auch gar nicht zum Derby. Wenn man sich die Geschichte der Vereine anschaut, gab es gar keine Rivalität, sondern vielmehr eine Freundschaft. Ich verstehe mich mit den Union-Verantwortlichen sehr gut. Gleichzeitig bedeutet das nicht, dass wir auf dem Platz für 90 Minuten keine Rivalen sind. Und dass man da auch mal gegenseitig einen Spaß macht, mit irgendwelchen Aktionen den ein oder anderen ein bisschen pikst, das gehört doch dazu und ist gleichzeitig ein bisschen Entertainment.

Es ist zu viel zu schnell passiert. Und es ist nicht einfach, ein Budget wieder auf ein gesundes Niveau zu bringen.

Fredi Bobic über Herthas Wandel seit dem Einstieg von Investor Lars Windhorst.

Was läuft noch nicht bei Hertha wie gedacht?

Man hat immer Vorstellungen, wie man Fußball spielen will, wie die Mitarbeiter miteinander arbeiten sollen. Wir haben viele Dinge, die wir verändern wollen, bereits angeschoben, haben viele neue Mitarbeitende bekommen. Das eine oder andere hängt noch ein bisschen. Aber die Entwicklung läuft aus meiner Sicht insgesamt sehr gut. Es braucht ein wenig Zeit und man muss sich auch die Zeit geben, gerade in diesen Zeiten. Ich habe nichts anderes erwartet und gewusst, dass es keine einfache Aufgabe ist, weil hier in der jüngeren Vergangenheit viel passiert ist und am Ende ein gemischter Salat dabei herauskam, der eher ungenießbar war.

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Hertha muss viel einstecken. Mit Blick auf Union heißt es da oft: Die haben weniger Geld, aber mehr Punkte. Wie gehen Sie damit um?

Fußball ist nicht nur: Jetzt hast du Geld, jetzt kaufst du ein. Viele, die es mit Hertha erst mal gut meinen, wollten den schnellen Erfolg. Aber den gibt es so nicht. Es geht um Nachhaltigkeit. Wir müssen uns in einigen Bereichen konsolidieren und genau überlegen, was wir wie machen können, um gesund zu wachsen. Es ist zu viel zu schnell passiert. Und es ist nicht einfach, ein Budget wieder auf ein gesundes Niveau zu bringen. Das müssen wir erst mal schaffen. Das kenne ich aus meiner Zeit in Stuttgart. Gleichzeitig brauchen wir emotionale Höhepunkte, Siege, die wir dank unserer Mentalität holen wie gegen Gladbach.

Ich habe doch auch keine Lust, fünf Jahre lang um Platz zwölf zu spielen.

Fredi Bobic über die Europa-Forderung von Lars Windhorst.

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Investor Lars Windhorst, hier neben Hertha-Präsident Werner Gegenbauer, will spätestens in drei bis fünf Jahren mit den Blau-Weißen international spielen.

Investor Lars Windhorst fordert in drei bis fünf Jahren das Erreichen eines internationalen Wettbewerbs. Ist das, anders als in der Vergangenheit, auch mit dem Verein abgestimmt?

Ich habe doch auch keine Lust, fünf Jahre lang um Platz zwölf zu spielen. Aber man muss eine Entwicklung einleiten. Das muss bei Hertha von innen heraus kommen. Und das haben wir getan. Wenn das nicht alle wollen, dann wird es nicht funktionieren. Ich habe einen regen Austausch mit Lars Windhorst und er hat das auch verstanden. Er weiß, dass hier ambitionierte Menschen arbeiten. Wir mussten aber noch mal den Reset-Knopf drücken, weil hier einfach zuletzt vieles zusammengekommen ist.

Pal Dardais Zigarren-Siegritual ist seit dem Klassenerhalt bekannt. Was gönnen Sie sich im Falle eines Derbysiegs?

Die kann er gerne wieder rauchen. Sollten wir gewinnen, gehe ich nach Hause und werde mir auch gemütlich etwas gönnen. Aber keine Zigarre. So ein Ding rauche ich nur nach großen Erfolgen, zuletzt nach dem Pokalsieg mit der Eintracht.

Das Gespräch führten Sebastian Schmitt und Wolfgang Heise.

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