Noch Platz: Bei Herthas ersten Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg kamen nur 18.000 statt der erlaubten 25.000 Fans ins Olympiastadion.  Imago

Was am 7. März 2020, einem Sonnabend, passierte, weiß ich noch ganz genau. Das Datum hatte ich mir nachträglich dick in meinem Kalender angekreuzt. Wahrscheinlich bin ich nicht der einzige, der das getan hat. Damals fand der bislang letzte normale Spieltag in der Ersten Fußball-Bundesliga statt, an dem jeder Fan, der Lust hatte, ohne Sorgen ins Stadion gehen konnte.

Danach schlug das Corona-Virus zu. Hertha trennte sich von Werder Bremen 2:2 und 58.000 Zuschauer waren im Olympiastadion dabei. Das klingt wie aus einer ganz anderen Welt. Es folgten Geisterspiele ohne Ende und nur zweimal durfte Hertha seitdem in der Saison 2020/21 vor nur jeweils 4.000 Fans spielen – am 25. September gegen Eintracht Frankfurt (1:3) und am 17. Oktober gegen den VfB Stuttgart (0:2).

Warum kommen die Hertha-Fans nicht? 

Das Virus ist noch immer nicht verschwunden, aber angesichts der viel besseren Situation waren am zurückliegenden Wochenende immerhin 25.000 Zuschauer (33,6 Prozent der Kapazität des Olympiastadions) nach der 3-G-Regel für den Stadionbesuch zugelassen, als Hertha den VfL Wolfsburg empfing.

Ich war mit der U-Bahn zum Stadion unterwegs. In meinem Wagen trug nur ein Fan seine blau-weiße Hertha-Montur. Mit ihm und drei anderen Fans in Freizeitklamotten kam ich ins Gespräch. Das Trio stammte kurioserweise aus Magdeburg, Halle und Bernburg. Sie alle einte der Wunsch, endlich ein „Gemeinschaftserlebnis“ zu haben, endlich wieder in der Kurve zu stehen, gern bei Hertha zu feiern, zu jubeln, auch zu leiden. Ich war gespannt, ob tatsächlich 25.000 Fans zum ersten Duell vor Zuschauern nach 308 Tagen Abstinenz kommen würden. Hertha hatte aber bis zwei Tage vor dem Spiel lediglich 15.000 Tickets verkauft. Am Ende verkündete man 18.241 Zuschauer, die eine 1:2-Niederlage der Dardai-Mannschaft erlebten.

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Auch weil die Hertha-Ultras eine Stadion-Rückkehr mit Corona-Auflagen ablehnen, war die Ostkurve gegen Wolfsburg nur spärlich besetzt. 

Warum hatten nicht mehr Fans „Bock“ auf das Team um den beliebten Berlin-Rückkehrer Kevin-Prince Boateng? Hatten sie Angst, sich in der riesigen Arena anzustecken, obwohl nur Genesene, Geimpfte und Getestete Zutritt bekamen? War die 1:3-Niederlage zum Auftakt zuvor in Köln schuld an der Zurückhaltung? Hat Corona das Freizeitverhalten stark verändert? Gibt es eine Entfremdung des Profifußballs, der noch immer mit Millionen um sich wirft, von der Basis? Die Zurückhaltung der Fangemeinde betrifft nicht nur Berlin, sondern alle Liga-Standorte.

Viele Fans sind wegen Corona vorsichtig 

Ich glaube, es ist eine Mischung aus all diesen und noch anderen Faktoren. So sehen es auch hartgesottene und treue Hertha-Anhänger, bei denen ich mich umgehört habe. Manfred Sangel, der mit Thomas Reckermann den Podcast „HerthaOnAir“ betreibt, glaubt, dass viele Fans die miesen Leistungen aus der letzten Saison noch nicht verdaut haben, andere scheuen den Aufwand der Online-Registrierung, wieder andere, so Sangel, handeln nach dem Motto: „Entweder alle dürfen ins Stadion – oder keiner!“

Von Knut Beyer, der in der Initiative „Blau-weißes Stadion“ und „Rettet die Hertha-Kneipen“ führend engagiert ist, hörte ich, dass nur die Hälfte seines Freundeskreises, allesamt Fans, gegen den VfL ins Stadion gekommen waren. Manche wollen erst kommen, wenn die Pandemie vorbei ist oder die 2-G-Regel greift (nur Genesene und Geimpfte im Stadion). „Es ist nicht etwa das Desinteresse am Verein“, sagt Beyer, „es ist eher Vorsicht. Zu Hertha kommen ja auch viele Familien und die wollen ihre Kinder schützen. Ein Großteil der aktiven Fanszene will Solidarität zeigen und erst wiederkommen, wenn alle Anhänger ohne Einschränkungen in die Arena kommen dürfen.“

Helmut Friberg, der am kommenden Wochenende nach München zum Spiel gegen die Bayern reisen wird und dort sein 708. Auswärtsspiel (!) mit der Hertha erlebt, bringt die Situation auf den Punkt: „Hertha muss nur geilen Fußball spielen, dann kommen auch die Fans zahlreich zurück!“ Das sehe ich ganz genauso.

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