Die Hertha-Fans haben sich klar positioniert. Auf den Nachfolger von Präsident Werner Gegenbauer wartet bei Hertha BSC viel Arbeit. Imago

Die größte Explosionsgefahr scheint bei Hertha BSC durch den Rücktritt von Präsident Werner Gegenbauer vor der Mitgliederversammlung (Sonntag, 11 Uhr, Messehalle 20) gebannt. Doch der blau-weiße Super-GAU steht weiter im Raum: Insgesamt sieben zulässige Abwahlanträge sind bei Hertha eingegangen, die das Potenzial haben, den von Sportchef Fredi Bobic erneut ausgerufenen Neustart massiv zu verzögern.

Der Grund: Stürzen die Mitglieder mit einer Dreiviertelmehrheit Interims-Präsident Thorsten Manske, der angeblich dauerhaft auf den Chefsessel rücken will, droht Hertha Stillstand. Denn jede Ausgabe über 500.000 Euro, egal ob für den neuen Trainer oder neue Spieler, muss sich Bobic vom Präsidium absegnen lassen, der deswegen alle Mitglieder an ihre „Fürsorgepflicht“ für den Verein erinnerte.

Die Revolte ist aber gar nicht mehr nötig: Aufsichtsrat-Boss Dr. Torsten-Jörn Klein wird zeitnah (im Gespräch ist der 3. Juli) eine außerordentliche MV einberufen, auf der ein neuer Präsident gewählt wird.

Auf den neuen Hertha-Präsidenten wartet viel Arbeit

Zwei Kandidaten haben ihren Hut bereits in den Ring geworfen: Ex-Ultra Kay Bernstein und Tankstellen-Unternehmer Marco Hennig, bei den Fans im Internet als „Der Herthaner“ bekannt. Weitere Bewerbungen sollen folgen. Spekuliert wird, ob auch Hertha-Mitglied Windhorst einen Kandidaten ins Rennen schickt. Ganz egal wer’s wird, diese zehn Gebote gelten für den neuen Präsidenten:

1. Für Ruhe sorgen: Turbulenter als die vergangenen drei Jahre kann es kaum zugehen. Hertha bietet viel zu viel Angriffsfläche und ist kurz davor – trotz des Siegs im direkten Duell in der Relegation –, den Hamburger SV als größten Witzklub abzulösen.

2. Fan-Dialog führen: Zur Beruhigung der Gemüter gehört auch ein neuer, ehrlicher und konstruktiver Dialog mit der aktiven Fan-Szene. Nur so lassen sich in Zukunft Szenen wie nach dem Derby, als einige Ultras mit ihrer Trikot-Demütigung der Spieler weit über das Ziel hinausschossen, vermeiden.

Hertha und Windhorst müssen miteinander klarkommen

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Thorsten Manske wird das Präsidenten-Amt von Werner Gegenbauer (r.) interimsmäßig übernehmen – wenn er nicht von den Hertha-Mitgliedern abgewählt wird.

3. Lars Windhorst einbinden: Der Umgang mit dem 374-Millionen-Euro-Investor muss sich ändern. Seit Windhorsts Einstieg 2019 wurde trotz aller Beteuerungen immer wieder über- statt miteinander gesprochen. Windhorst, der auf der MV in einer 15-minütigen Rede erstmals direkt zu den Mitgliedern sprechen will, hat zwar auf dem Papier keine Macht, wird aber ohne dass man ihn mitnimmt, auch in Zukunft immer wieder für Störfeuer sorgen – insbesondere weil er, wie er selbst zugibt, von Fußball keine Ahnung hat.

4. Kommunikation verbessern: Statt als Präsident, intern wie extern, die Menschen mitzunehmen und die Richtung des Klubs vorzugeben, ging Gegenbauer regelmäßig, außer bei seinen Windhorst-Attacken, auf Tauchstation.

5. Finanz-Boss finden: Mit Ingo Schiller verlässt im Oktober der Mann für die Zahlen Hertha BSC nach mehr als 24 Jahren als Geschäftsführer. Diese Position neu zu besetzen, wird eine der ersten und wichtigsten Aufgaben des neuen Präsidenten.

Hertha BSC wurde vom 1. FC Union überholt

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Herthas Finanz-Boss Ingo Schiller, seit 1998 Mitglied der Geschäftsführung, räumt seinen Posten im Oktober.

6. Hertha konsolidieren: Zusammen mit dem neuen Finanz-Boss muss der neue Präsident dafür sorgen, dass die Finanzen nicht weiter aus dem Ruder laufen. Ja, Schulden wurden mit Windhorsts 374-Millionen-Spritze getilgt, das Eigenkapital massiv aufgestockt, aber die hohen Verluste der vergangenen drei Jahre haben das Potenzial, dass Hertha schon bald wieder in finanzielle Nöte geraten könnte.

7. Berlin zurückerobern: Der 1. FC Union hat Hertha BSC nicht nur bei der Anzahl der Mitglieder überholt. Die Köpenicker kommen bei fast jedem neutralen Fußball-Fan besser an und haben sich mit ihrer bescheidenen Art in die Herzen vieler Berliner Bürger gespielt.

8. Hertha-DNA aufbauen: Seit Jahren geistert der Begriff durch den Verein und die Stadt. Für was Hertha BSC aber wirklich steht, ist niemandem klar. Weder sportlich noch als Klub mit seinen Werten. Dabei reicht es nicht, sich die vielen tollen sozialen Aktionen der Fans zu eigen zu machen.

Hertha braucht ein neues Stadion

9. Stadion-Debatte führen: Es ist sinnbildlich, dass es, nachdem Gegenbauer und Co. es über vier Jahre nicht hinbekommen haben, erst die Fans schafften, Hertha und den Senat wieder an einen Tisch zu bekommen. Nur so hat das wirtschaftlich immens wichtige Vorhaben, ein eigenes, reines Fußballstadion zu bauen, Aussicht auf Erfolg.

10. Stadtmeisterschaft gewinnen: Drei Derbypleiten und 24 Punkte Rückstand auf den 1. FC Union am Ende einer Saison schmerzen jeden Hertha-Fan und sprechen Bände. Der neue Präsident wird zwar keine Tore schießen. Packt er aber die genannten Gebote an, spricht vieles dafür, dass Hertha auch sportlich wieder auf die Beine kommt – und gegen den Rivalen aus Köpenick wieder eine Chance hat.

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