Manager Fredi Bobic wird Sonntag das erste Mal bei einer Hertha-Mitgliederversammlung reden. Foto: dpa

Abgesagt, verlegt, verändert! Sonntag ab 11 Uhr haben viele Hertha-Fans ihren Computer an. Virtuelle Mitgliederversammlung wegen der Corona-Pandemie, statt zünftiges Beieinander in den Hallen des Messegeländes bei Würstchen und Erbsensuppe. Diesmal müssen sich die Anhänger ihren Eintopf zu Hause selbst kochen und lauschen dann gebannt den Worten des neuen Managers Fredi Bobic.

Für Bobic ist es seit seinem Amtsantritt die erste Rede vor den Mitgliedern. Einen Vorgeschmack darauf, dass Bobic keine Lust auf blau-weißen Einheitsbrei hat, gab er schon bei seinem Interview auf der Vereins-Homepage kurz vor Weihnachten. Bobics würzige Analyse: „Bei Hertha war es wie auf dem Amt: Das haben wir immer so gemacht, also machen wir es weiter so. Man ist fast eingeschlafen. Wir wollen überall besser werden und Leistungskultur auch bei der Hertha sehen. Wir müssen uns bewegen.“

Herthas neuer Boss hat Ecken und Kanten und manch einem im Verein war diese Kritik vielleicht auch zu forsch. Schließlich wurde damit jahrelange Arbeit infrage gestellt. Auch die des Präsidenten Werner Gegenbauer, der sich gerade für Bobic als Modernisierer starkgemacht hat, als er ihn als Nachfolger von Michael Preetz verpflichtete.

Zuspruch für Boss Gegenbauer schrumpfte

Am 25. Oktober 2020 wurde Präsident Werner Gegenbauer wiedergewählt – aber nur mit 54 Prozent. Foto: Imago Images/nordphoto/Engler

Die letzte Präsenz-Versammlung fand am 25. Oktober 2020 unter freiem Himmel im Olympiastadion statt. Damals wurde Gegenbauer mit dem schlechtesten Ergebnis in seiner 13-jährigen Amtszeit wiedergewählt. Nur 54 Prozent sprachen sich noch für ihn aus. Dabei gab es nicht mal einen Gegenkandidaten.

Spätestens seit diesem Tag wusste Gegenbauer, dass er etwas im Verein verändern muss. Hinter Hertha lag eine vermurkste Saison mit vier Trainern (Covic, Klinsmann, Nouri, Labbadia) und die Blau-Weißen steuerten zielsicher auf die nächste Katastrophe zu. Vier Monate später trennte man sich von Preetz und Labbadia im Doppelschlag. Die Saison endete mit einem Gerade-so-Klassenerhalt unter Retter Pal Dardai.

Der ist aber auch schon wieder seit November 2021 bei Hertha Geschichte. Das war die markanteste Entscheidung von Bobic bisher. Der Manager muss den Mitgliedern am Sonntag erklären, warum es zur Trennung kam und wie es jetzt unter Trainer Tayfun Korkut besser wird.

Ein Sieg beim Krisengipfel in Wolfsburg am Sonnabend wäre da sehr hilfreich, sonst ist das Abstiegsgespenst schon wieder ganz nah. „Wir brauchen Zeit und Geduld für den ganzen Prozess, für die Entwicklung der Mannschaft“, appelliert der Manager.

Und da Bobic eben Bobic ist, spricht er auch direkt das Verhältnis zu Herthas 374-Millionen-Euro-Investor Lars Windhorst an, der am Anfang seines Engagements im Juni 2019 vom „Big City Club“ sprach. Bobic: „Ich habe das Wort noch nie in den Mund genommen. Das ist auch kein offizieller Slogan von uns, der wurde von außen reingetragen und hat sich vor allem medial verfestigt.“

Bobic: „Fröhlich bunte Luftballons rauszublasen, das ist nicht meine Strategie“

Der Manager hat sich damit genau positioniert. Das ist auch seit zweieinhalb Jahren die Marschroute des Präsidenten, der auf der Eigenständigkeit des Klubs beharrt. Windhorst selbst ist bei den Fans in die Charme-Offensive gegangen und twittert volkstümlich. Man könnte fast meinen, dass er schon im Wahlkampfmodus um die Präsidentschaft ist.

Eigentlich wollte er sogar bei der Mitgliederversammlung im vollen Saal eine Rede halten. Daraus wird jetzt erst mal nichts. Daher werden alle in erster Linie den Worten von Bobic lauschen, der zwar knallhart ehrliche Kritik übt, aber keine großen Versprechen geben wird. Bobic: „Fröhlich bunte Luftballons rauszublasen und dann zu gucken, wie alle reagieren, das ist nicht meine Strategie.“

Aber eine Betriebsversammlung eines Amtes mit Erbsensuppe wird es Sonntag auch nicht werden …

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