Geisterkulisse im Olympiastadion vor einem Hertha-Spiel. Foto: Imago Images

Als ich die Bilder sah, wie Zehntausende Corona-Leugner, Verschwörungstheoretiker, Impfgegner, Protestler aller Couleur und Rechtspopulisten am zurückliegenden Wochenende durch Berlin zogen – respekt-und verantwortungslos ohne Abstand und ohne Masken – musste ich plötzlich an die Millionen Fußballfans denken, die sich seit Monaten in der Krise meist vorbildlich benehmen. Ich kenne deren Einstellung zu den Corona-Auflagen nicht, aber aus Liebe zum Fußball verhalten sie sich vernünftig.

Sie müssen seit März auf ihr Lebenselixier verzichten. Das ist bitter. Dennoch ist von Ansammlungen vor Stadien keine Spur, keine Demos für die Zulassung von Fans in die Arenen, dafür aber große Unsicherheit, wie es weitergehen soll. Die Aussagen der Politik sind oft schwammig, die Hygienekonzepte unübersichtlich. Wohin also soll der Fußballanhänger gehen?

Ich selbst konnte zuletzt von der Regionalliga Nordost berichten, wo bis zu 1000 Fans zugelassen waren. Bei Lichtenberg 47 contra VSG Altglienicke sah ich disziplinierte Fans und viele Tore. Bier und Bratwürste gab es auch. Endlich ein wenig Normalität!

Die Fans von Hertha BSC und vom 1. FC Union können nun hoffen, da seit dem 1. September laut Senatsbeschluss Großveranstaltungen unter freiem Himmel mit bis zu 5000 Zuschauern bis 24. Oktober erlaubt sind. Hertha arbeitet an vielen Szenarien, „mit wenigen Zuschauern, aber auch mit steigenden Zuschauerzahlen“, so Manager Michael Preetz.

Ich habe mich umgehört unter langjährigen Hertha-Anhängern. Wie gehen sie mit der jetzigen Situation um?

Helmut Friberg, 64, seit Jahrzehnten bei fast jedem Hertha-Spiel dabei, sagt drastisch: „Mir geht alles auf den Sack!“ Am 7. März war er beim 2:2 gegen Werder Bremen zum letzten Mal im Olympiastadion. „Danach wollten wir uns schon auf den Weg machen zum Spiel in Hoffenheim“, erzählt Friberg, „aber das war dann das erste Geisterspiel in der Hertha-Geschichte. Solche Auftritte  haben nichts mit Fußball zu tun, ich schaue sie mir auch kaum im Fernsehen an. Ich brauche die Emotion.“ Friberg, der bei Mitstreitern auch nachlassendes Interesse am Fußball feststellt, hat bislang 703 Auswärtsspiele der Hertha besucht und steht damit garantiert unter den Top 3 der Auswärtsfahrer des Bundesligisten. „Das Leben ist anders geworden, mir fehlt das Stadionerlebnis sehr“, klagt Friberg. Er befürwortet Testspiele mit bis zu 5000 Fans, wie es der 1. FC Union am 5. September ausprobieren will. „Man muss es versuchen“, fordert Friberg, „ich setze, wenn es sein muss, auch eine Maske im Stadion auf.“

Knut Beyer, 59, ist einer der engagierten Macher der Faninitiative „Blau-Weißes Stadion“, die sich für eine neue Fußballarena einsetzt. In der größten Krise stampfte Beyer mit seinen Mitstreitern die Aktion „Hertha-Kneipe“ aus dem Boden. Dabei wurde traditionellen Hertha-Treffpunkten mit „virtuellem Biertrinken“ finanziell geholfen. Eine wunderbare Idee, die zudem den Zusammenhalt förderte. Der geht ohne das gemeinsame Bangen und Jubeln im Stadion zunehmend verloren.

Umbrüche in der Fanszene

Beyer sagt: „Der Rhythmus, alle 14 Tage ein Heimspiel zu haben, ist weg. Der Austausch untereinander fehlt, viele Fans vereinsamen.“ Beyer glaubt, dass große Umbrüche in der Fanszene anstehen. „Manche sagen, entweder wir gehen alle ins Stadion oder keiner. Ende offen.“ Fußball, so der ideenreiche  Anhänger, sei enorm wichtig für die sozialen Strukturen. „Die sind aber gerade dabei, wegzubrechen.“ Für ihn selbst sei das Stadionerlebnis immer auch ein Jungbrunnen gewesen.

Helmut Friberg indessen will am Mittwochabend ins Amateurstadion auf dem Olympiagelände gehen, um zum ersten Mal wieder Fußball live zu sehen. Herthas Amateure empfangen in der Regionalliga den Berliner AK.  Eine begrenzte Anzahl an Zuschauern ist zugelassen. Friberg hat sich online angemeldet. Ein Anfang, der Hoffnung macht.