Geister einer aufreibenden Vergangenheit: Jürgen Klinsmann und Salomon Kalou. imago-images

Wenn ich in diesen verrückten Tagen am Morgen die Nachrichtenlage checke, bin ich froh, wenn nicht wieder eine überraschende, zuletzt oft negative oder auch kuriose Meldung auftaucht, die Hertha BSC betrifft. „Unmöglich, deine Hertha!“, kritisierten mich Bekannte in den zurückliegenden Wochen. Meine Antwort: „Ja, Hertha ist eine blau-weiße Wundertüte!“

Dabei ist mein Bedarf etwa an Facebook-Auf- und Rücktritten von Trainern und Profis, an heftigen, irritierenden Rap-Songs vom ehemaligen Stürmer Chinedu Ede („Ich hasste Fußball“ oder „Volles Konto, nur zwei Freunde, spielte manchmal zugeballert“) und an Meldungen über positive Corona-Tests gedeckt. Selbst Manager Michael Preetz musste nach dem Live-Stream von Stürmer Salomon Kalou aus der Hertha-Kabine zugeben: „Wir lassen in dieser Saison auch nichts aus!“ Kalous Film, in dem er live massiv gegen Hygiene-Regeln verstieß, machte den Ivorer sogar im Bundeskanzleramt berühmt und bei sämtlichen Landesfürsten von Mecklenburg-Vorpommern bis Bayern zur persona non grata.

Jahrelang hing Hertha das Image einer „grauen Maus“ an, damit ist es nun längst vorbei. In einer Kuriositäten-Tabelle wäre man Spitzenreiter. In der Realität aber steht das Team auf Rang 13 , mit nur  sechs Zählern Abstand auf Relegationsplatz 16. In diese Bredouille haben den Verein bislang drei Cheftrainer gebracht. Der vierte, Bruno Labbadia, muss ausbaden, was seine Vorgänger angerichtet haben: Ante Covic in zwölf Spielen elf Punkte), Jürgen Klinsmann in neun Spielen zwölf Punkte, Alexander Nouri in vier Spielen fünf Punkte.

Vier Cheftrainer in einer Spielzeit heuerte und feuerte Hertha seit dem Bundesligastart 1963 zuvor nur 1990/91 und 2011/12. Beide Male stieg Hertha ab. Labbadia steht nun als Coach vor einem noch nie dagewesenen Abenteuer. Er muss Hertha in neun ausstehenden Geisterspielen aus der Gefahrenzone führen. Das ist eine Herkulesaufgabe.

In der Vor-Labbadia-Zeit hatte sich Hertha immerhin mehrere Titel gesichert. Der Klub gilt als „Winter-Welt-Transfermeister“, weil er im Januar vier Profis für insgesamt 77 Millionen Euro verpflichtete. Sogar Real Madrid oder der FC Liverpool kamen ins Staunen. Die Fans ernannten den Verein zudem zum „Facebook-Champion“ wegen der Auftritte von Jürgen Klinsmann und Salomon Kalou, die ein Millionen-Publikum fanden. Wenigstens gab Investor Lars Windhorst die Berufung von Jens Lehmann und Marc Kosicke in den Aufsichtsrat am Sonntag nicht via Facebook bekannt.

Sogar der Staubsauger kann gefährlich werden

Was kann nun noch passieren, ehe die Wundertüte Hertha am Sonnabend seine Geisterspiel-Premiere in Hoffenheim feiert? Es lauern im noblen „Quarantäne-Hotel“ der Berliner, im Hotel Palace in der Budapester Straße, einige Gefahren. Dort residiert das Team seit 2014 regelmäßig vor Heimspielen. Da die Profis ihre Einzelzimmer wegen der strengen Hygieneregeln selbst sauber halten müssen, kann schon ein Staubsauger zur Gefahrenquelle werden.

Wenn Hertha dann am übernächsten Wochenende Union zum Derby im Olympiastadion empfängt – dort geht es auch um den bei den Fans begehrten Titel „Geisterspiel-Stadtmeister“ – sollten Jarstein, Cunha und Kollegen aber positiv denken und sich an eine Aussage des ehemaligen Hertha-Trainers Jürgen Röber halten. Der schwärmte einst: „Das Olympiastadion ist toll und zweimal besonders beeindruckend – wenn es voll ist oder ganz leer.“