Hertha-Trainer Pal Dardai ist eine Berliner Legende, Derby-Erfahrung hat er dennoch kaum.  City-Press

Neulich fiel mir beim Stöbern in alten Unterlagen ein Steckbrief über Pal Dardai in die Hände. Der war im Magazin „Wir Herthaner“ erschienen. Die Heftreihe gibt es schon lange nicht mehr. Der Frage-Antwort-Bogen stammte vom August 1997. Dort sagte Dardai, damals 21 Jahre jung und erst ein paar Monate in Berlin, zum Stichwort „Fans“: „Die sind für mich alles, denn sie sind eine große Unterstützung für mich und die Mannschaft.“

Jetzt, gut 24 Jahre später, würde der Cheftrainer Dardai wohl ähnlich auf die Frage nach der Bedeutung der blau-weißen Anhängerschaft antworten. Er selbst steht in der Gunst der Ostkurve noch immer weit oben. Vor allem, weil er als Spieler in jedem Duell den Rasen umpflügte und sich als Mittelfeldmann nicht zu schade war die Drecksarbeit für andere zu leisten - vor allem für die umjubelten Torschützen wie etwa Marcelinho oder Marko Pantelic. Und weil er – ich bin zurück in der Gegenwart – im Mai dieses Jahres die Mannschaft in äußerst komplizierten Corona-Zeiten vor dem Abstieg rettete. Sollte Dardai am Sonnabend das prestigeträchtige Stadtderby beim 1. FC Union gewinnen – es ist erst der fünfte Vergleich in Liga eins - würde das seiner Popularität einen weiteren Schub verleihen.

Dardai mit wenig Derby-Erfahrung

Doch eines in der langen Hertha-Karriere des Pal Dardai ist kurios: Trotz 286 Erstligaspielen für den Verein (Platz eins) und trotz 178 Einsätzen als Cheftrainer (Platz zwei hinter Helmut „Fiffi“ Kronsbein, der 212 Mal coachte) besitzt der Ungar kaum Erfahrung mit dem Derby gegen Union oder anderen Berliner Stadtduellen. Man mag das kaum glauben.

Das besondere Flair der Begegnungen gegen Union konnte er meist nur auf der Tribüne erleben. Als es in der Saison 2010/11 nach dem Abstieg der Hertha in der Zweiten Bundesliga zu den ersten sehr emotionalen Pflichtspiel-Derbys gegen Union kam, absolvierte Dardai seine letzte Spielzeit als Profi. Er kam aber wegen Verletzungen in den beiden Duellen unter Coach Markus Babbel nicht zum Einsatz (1:1, 1:2).

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Kennen sich nicht besonders gut, schätzen sich aber dennoch sehr: Union-Trainer Urs Fischer und Hertha-Coach Pal Dardai (r.). 

Und Jahre später, beim ersten Derby in der Beletage am 2. November 2019, das der mutige Aufsteiger Union mit 1:0 gewann, war Dardai nach 4 ½ Jahren als Cheftrainer gerade seinen Job los. Herthas damaliger Manager Michael Preetz setzte auf Nachwuchscoach Ante Covic, eine Maßnahme, die nicht aufging. Nur zwei Spiele samt zwei Niederlagen nach der Pleite an der Alten Försterei musste Covic gehen und bei Hertha begann ein schwindelerregendes Trainer-Karussell mit Jürgen Klinsmann, Alexander Nouri und Bruno Labbadia. Letzterer ist immerhin Herthas erfolgreichster Derby-Trainer, wenn es gegen die Köpenicker ging. Mit 4:0 und 3:1 siegte er jeweils in Geisterspielen.

Dardai freut sich für Berlin 

Sein Nachfolger Dardai macht nicht allzu viel Ballyhoo um das Derby. Als er am 4. April dieses Jahres vor seinem ersten Derby gegen Union stand, dass an der Alten Försterei 1:1 endete, sprach er vor allem respektvoll von der Entwicklung des Rivalen. Dennoch will auch der ehrgeizige Ungar die Nummer eins in der Stadt sein. „Wenn du beide Spiele gewinnst, bist du der Beste in der Stadt, egal was die Tabelle sagt.“ In dieser Saison wird es aber kompliziert im Rennen um die Stadtmeisterschaft, weil man auch im DFB-Pokal auf die Unioner trifft!

Ganz ohne Derby-Erfahrung ist aber auch der Spieler Dardai nicht geblieben. 1998 und 1999 gab es die Stadtduelle gegen Tennis Borussia im DFB-Pokal. Bei der überraschenden 2:4-Niederlage stand Pal auf dem Platz und beim 3:2-Sieg nach Verlängerung ein Jahr später steuerte er sogar ein Tor bei.  Es war das 111. Derby gegen TeBe seit 1910! Mit solch einer Riesentraditionen verbindet Dardai vor allem das Wort Derby. Das Duell gegen Union muss erst noch erwachsen werden. 

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