Fabian Lustenberger wechselte 2019 von Hertha BSC zu den Young Boys Bern. Foto: Imago

Ist es möglich, in diesen komplizierten Zeiten für Hertha BSC eine Kolumne zu schreiben, die ohne Klagen über fehlendes Spielglück, krachende Pfostenschüsse und umstrittene Schiedsrichter-Entscheidungen auskommt? Das ist schwer, aber nach dem verdienten 2:1-Sieg gegen den FC Augsburg endlich machbar. Denn diese negativen Ereignisse traten beim späten Erfolg per Elfmetertor dieses Mal nicht ein. Gott sei Dank!

Als Cheftrainer Pal Dardai vor Tagen auf ein Gerücht angesprochen wurde, ob Hertha an eine Rückholaktion des ehemaligen Kapitäns Vedad Ibisevic, 36, denke (was natürlich nicht der Fall ist), lobte Dardai zuerst Ibisevic („Ein Supertyp“) und kam sofort auf dessen Vorgänger als Spielführer, den Schweizer Fabian Lustenberger zu sprechen. „Dem Lusti“, so der Trainer, „habe ich damals gesagt: Du musst mein Nachfolger als Trainer werden. Irgendwann. Lusti ist ein cleverer Junge, der denkt strategisch. Der soll seinen Trainerschein machen!“

Typen wie Lustenberger und Ibisevic werden vermisst

Dardai schwärmte also von seiner ersten Zeit als Herthas Chefcoach und man merkte ihm an, dass er solch erfahrene Typen wie Lustenberger und Ibisevic im Moment in seinem Team schmerzhaft vermisst. Mit dem Weggang des Schweizers zu den Young Boys Bern im Sommer 2019 – nach 12 Jahren, 220 Erstligaspielen und 51 Zweitligaeinsätzen für Hertha – begann der Aderlass an kampfstarken und krisenerprobten Profis.

Ich habe „Lusti“ die Aussagen von Dardai erzählt. Der 32-jährige „Captain“ des Schweizer Meisters lachte am Telefon, sagte, er wolle nach seiner Karriere auf jeden Fall seinen Trainerschein machen. Dardai wird es freuen. Lustenberger besitzt noch einen Vertrag bis Juni 2022 und sagt, das müsse noch nicht das Ende seiner Spielerlaufbahn sein.

Der Abwehrchef erlebt in Bern Kontinuität auf dem Trainer- und dem Sportchef-Posten und eine eingespielte Mannschaft. Diese Faktoren für Erfolg fehlen Hertha seit vielen Monaten.

Berns Trainer war schon zweimal bei Hertha im Gespräch

Trainer Gerardo Seoane, 42, arbeitet in Bern seit Juli 2018 erfolgreich, holte zwei Meistertitel und steht vor dem dritten Triumph. Die Young Boys sorgten zudem in der Europa League für Furore (4:3 und 2:0 gegen Bayer Leverkusen) und spielen im Achtelfinale am Donnerstag bei Ajax Amsterdam. Die meisten Profis sind seit zwei oder mehr Jahren in Bern unter Vertrag. „Wir sind ein total eingespieltes Team“, sagt Lustenberger, „das ist ein großer Vorteil.“ Bei Hertha gab es dagegen seit dem Abschied des Routiniers stattliche 20 Zu- und 22 Abgänge, dazu inklusive Dardai fünf Trainer. Das krasse Kontrastprogramm zum Schweizer Champion.

Kurios, dass Berns eigenwilliger Cheftrainer in der Vergangenheit schon zweimal bei Hertha BSC im Gespräch war. Doch irgendwie fehlte den Hertha-Chefs der Mut, sich für einen innovativen ausländischen Trainer zu entscheiden. Im Moment aber könnte der Erfolg der Young Boys auch zu Unruhe führen. Seoane, der – Achtung Hertha! - sechs Sprachen spricht, gilt als Kandidat bei Borussia Mönchengladbach. Und Berns Sportchef Christoph Spycher, seit September 2016 im Amt, wurde heiß als Nachfolger von Fredi Bobic bei Eintracht Frankfurt gehandelt. Spycher aber bekannte sich jetzt zu Bern. Vereinstreue wird bei den Young Boys gelebt, so wie es einst Lustenberger bei Hertha tat.

Sollte der dem Vorschlag von Dardai folgen und nach der Karriere als Trainer arbeiten, würde er in einen Zirkel ehemaliger Hertha-Profis eintreten, die später ihr Wissen als Coach weitergaben. Allein aus der Champions-League- Garde von 1999 sind das Jolly Sverrisson, Kjetil Rekdal, Ali Daei, Michael Hartmann, Dariusz Wosz, Bryan Roy, Andreas Thom oder Zecke Neuendorf. Und natürlich Pal Dardai. „Ich glaube an den Klassenerhalt von Hertha“, sagte mir Lustenberger, „Pal wird es packen.“ Auch das wird der Hertha-Coach gerne hören.