Pal Dardai hat Ordnung bei Hertha BSC reingebracht. Imago/Christopher Neundorf

Am liebsten würde ich mich als Ghostwriter bei Pal Dardai verdingen. Herthas Cheftrainer sagte nach dem Klassenerhalt: „Diese Mannschaft zusammenzukriegen und den Teamgeist zu wecken, war die schwierigste Sache meiner Karriere. Wenn ich ein Buch darüber schreiben würde, was in der Kabine alles passiert ist, wäre das Buch richtig dick.“ Dabei lächelte er vielsagend.

Da ich schon acht Bücher über Hertha geschrieben habe, würde ich dem Trainer gerne helfen bei seinem Buchprojekt. Solch ein Thriller wäre ein Fest für Fans und Journalisten. Die Auflage würde höher ausfallen als bei vielen meiner bisherigen blau-weißen Publikationen. Doch dazu wird es nicht kommen, denn Dardai ist ein ehrlicher, manchmal unbequemer, aber fairer Trainer. Interne Geschichten bleiben dort, wo sie hingehören – in der Kabine.

Lesen Sie auch: Lukas Klünter: Und plötzlich lief bei Hertha alles wie gemalt >>

Dardai hat „Alligatoren“ gezähmt

Als der 45-Jährige Ende Januar nach langer Pause wieder als Chef die Kabine der Profis betrat, die man sich durchaus als „Höhle der Löwen“ vorstellen darf, fand er eine disziplinlose Ansammlung von hochbegabten, teuren Individualisten vor. Da der Ungar als Kind einst den Wunschtraum hatte, Tierarzt zu werden, griff er zu einem passenden Vergleich. Die Truppe, die er vorfand, nannte er „Alligatoren, die schon vier Trainer gefressen haben.“

Lesen Sie auch: Was wird aus Sami Khedira >>

Um im Bild zu bleiben: Er hat sie allesamt gezähmt. Unter welch widrigen Umständen Dardai das Ziel Klassenerhalt erreicht hat, finde ich bemerkenswert. Nach Keeper Rune Jarstein fingen sich er und seine Frau Monika das Coronavirus ein, zeitgleich mit anderen Profis. Es folgten 14 Tage Quarantäne für das Team samt Trainerstab und danach Spiele im Drei-Tages-Rhythmus. Während der Isolation musste Dardai von der heimischen Couch aus verfolgen, wie die Konkurrenten fleißig Punkte sammelten. Später fiel nach teils schweren Verletzungen mehr als die halbe Mannschaft aus, davon der komplette Angriff. Und außerhalb des Rasens sorgten Torwarttrainer Zsolt Petry und der nun ehemalige Aufsichtsrat Jens Lehmann für Negativ-Schlagzeilen. Sie schafften es damit bis in die Tagesschau.

Dardai hat Vorteile gegenüber Kollegen

Dardai hat nach 2015 zum zweiten Mal Hertha vor dem Abstieg gerettet. Das hat vor ihm noch kein anderer Hertha-Coach geschafft. Als sich der Klub im Sommer 2019 nach viereinhalb Jahren von ihm trennte, begann die Odyssee, die den Verein bis vor kurzem in Atem hielt. Die Begründung, man wolle mit einem neuen Trainer offensiveren und attraktiveren Fußball bieten und das Mittelfeld der Liga verlassen, wurde für die Nachfolger zur Bürde. Auch den Trainer-Novizen Ante Covic, der nur Erfahrungen als U23-Coach besaß, als Chef zu installieren, war eine Fehlentscheidung von Manager Michael Preetz. Es folgen Jürgen Klinsmann, Alexander Nouri und Bruno Labbadia, ehe Dardai als Retter in der Not zurückgeholt wurde.

Lesen Sie auch: Hertha, was habt ihr eigentlich zu feiern>>

Zwischen der Trennung von Dardai und seiner Neuberufung verpflichtete Hertha mit dem Geld des Investors Lars Windhorst stattliche 24 Profis für insgesamt 137,95 Millionen Euro an Ablösesummen. Zum Vergleich: In den 4,5 Jahren der ersten Dardai-Ära konnte der oft klamme Klub nur 43 Millionen Euro in vier Spielzeiten ins kickende Personal investieren.

Dardai hat trotz der heftigen Probleme im Abstiegskampf stets die Ruhe bewahrt und Zuversicht ausgestrahlt. Sein Vorteil gegenüber seinen Kollegen in der Liga: Er wäre auch bei einem Scheitern nicht arbeitslos geworden, sondern als Coach in die Jugend-Akademie zurückgekehrt. Der Klassenerhalt ist im perfekten Zusammenwirken mit Sportdirektor Arne Friedrich vor allem sein Verdienst. Dardai hat den Verein mit dem „Big-City-Klub-Image“ wieder geerdet – so wie es auch seinem Charakter entspricht. Seine Pressekonferenzen per Videoschalte waren zudem oft beste Unterhaltung. Hertha braucht keinen neuen Coach mit einem vermeintlich „großen Namen“, der Name Dardai ist längst groß genug.