Bruno Labbadia hat genaue Vorstellungen, wie er sich das Spiel von Hertha BSC vorstellt. Foto: City-Press/Jan-Philipp Burmann

Als Pal Dardai im Januar 2019 kurz vor einem kleinen Jubiläum stand – vier Jahre Cheftrainer bei Hertha BSC –, plauderte er über den Leistungsdruck im Profifußball und die kurzfristige Bedeutung von Ergebnissen, die diesen enormen Druck, diese vor allem psychische Belastung für einen Bundesligatrainer mit sich bringen. „Wenn man sechsmal in Folge verliert, kannst du weg sein“, sagte der Ungar und titulierte das Trainer-Dasein etwas übertrieben als „Sechs-Wochen-Beruf“.

Da hat mit Chefcoach Bruno Labbadia wohl gerade einer der Dardai-Nachfolger Glück gehabt, könnte man meinen, weil er am zurückliegenden Wochenende mit einem Sieg beim FC Augsburg eine mögliche Trainerdiskussion abwenden konnte. Immerhin musste Labbadia (54) zuvor fünf sieglose Spiele in Serie verkraften – vier Niederlagen und ein Remis. Damit schrammte er knapp am Sechs-Spiele-Raster von Dardai vorbei.

Labbadia braucht Zeit und Geduld vom Management

Dennoch ist es erstaunlich, wie ein hochverdienter Sieg, souverän und mit einer Klasseleistung erzielt, die Perspektive und auch die Sichtweise auf einen Trainer verändern kann. So wie das jüngste 3:0 in Augsburg. Vor dem Duell konnte man die Situation als bedrohlich und sehr ernüchternd empfinden. Für viele, die Hertha aus der Ferne betrachten, galt die einfache Formel: Viel Geld bedeutet schnellen Erfolg. Doch der war ausgeblieben, und Hertha stand nach sechs Spieltagen so mies da wie zuletzt in der Saison 2009/10, als Trainer Lucien Favre nach dem siebten Spieltag gehen musste und sein Nachfolger Friedhelm Funkel den Abstieg nicht verhindern konnte.

Einige Beobachter sagten Diskussionen über den Trainer voraus, wenn Labbadia nicht in Augsburg gewinnen würde. Doch ich glaube, diese wären auch im Falle eines Misserfolgs noch nicht in aller Heftigkeit ausgebrochen. Gründe für diese Annahme gibt es einige. Bei den knapp verlorenen Spielen gegen Spitzenklubs wie dem 3:4 beim FC Bayern oder dem 1:2 bei RB Leipzig zeigte Hertha viele Stärken. Labbadia hat zudem in Corona-Zeiten (die seine Vorgänger Gott sei Dank nie erleben mussten) heftige Probleme zu lösen, für die er Zeit braucht und vor allem Geduld vom Management und vom gesamten Umfeld.

Er muss den enormen personellen Umbruch meistern, mit Geisterspielen, ständigen Corona-Tests und nervigen Unterbrechungen wegen gerade in diesen Zeiten oft überflüssigen Länderspielen klarkommen. Die hochtalentierte Mannschaft braucht einen Anker, der auch in schwierigen Phasen Ruhe und Zuversicht ausstrahlt. Das ist Labbadia auf jeden Fall. Herthas unfertiges Team benötigt Kontinuität, auch auf der Trainerposition.

Labbadia ist der elfte Trainer in der Ägide von Michael Preetz

Untersuchungen in der Vergangenheit ergaben, dass die durchschnittliche Amtszeit der Bundesligatrainer bei rund 1,2 Jahren liegt. Bei Labbadia weist das Portal „transfermarkt.de“ einen Schnitt von 1,49 Jahren bei seinen sieben Stationen vor Hertha auf. Immerhin. Doch auch Labbadia weiß, dass der Trainerstuhl in Berlin ein heißer ist.

Unter der Ägide von Manager Michael Preetz ist Labbadia seit Herbst 2009 der elfte Cheftrainer, zu denen noch Kurzeinsätze ad interim von Karsten Heine, Rainer Widmayer und Rene Tretschok kommen. Pal Dardai ist der Langzeittrainer mit viereinhalb Jahren als Chef. Dem sehr erfahrenen Labbadia, der finanziell und damit auch personell viel größere Möglichkeiten besitzt als einst Dardai, traue ich zu, dass er Hertha zu einer Mannschaft formt, die Richtung Ligaspitze marschieren kann. Dabei helfen vor allem solch souveräne Siege wie zuletzt in Augsburg.

Übrigens: Pal Dardais „Sechs-Niederlagen-Rauswurf-Theorie“ traf bei Hertha schon im September 2009 exakt auf Lucien Favre zu. Nach einem 1:5 in Hoffenheim, der sechsten Niederlage in Serie, war Schluss für den Schweizer in Berlin.