Dramatische Bilder wie beim Relegations-Rückspiel der Hertha in Düsseldorf im Jahr 2012 sind im Gedächtnis hängen geblieben. Ein neuerlicher Abstieg soll nicht dazukommen. Foto: Imago

Hertha BSC darf sich Stadtmeister nennen. Das ist gut für das Selbstwertgefühl der blau-weißen Fans, aber darüber hinaus interessiert das im Moment kaum in Berlin. Dafür ist die Situation für die Mannschaft von Trainer Pal Dardai noch immer viel zu prekär. Zudem haben trotz des jüngsten 1:1 an der Alten Försterei und dem 3:1-Sieg der Hertha im Hinspiel die Unioner noch immer 14 Punkte mehr angehäuft, thronen zu Recht weit oben in der Tabelle und können gelassen auf Hertha herabblicken.

Ich denke, noch nie seit dem ersten Derby gegen den 1. FC Union im Jahr 2010 – damals in der Zweiten Liga – war dieser Titel, diese symbolische Trophäe für die jeweiligen Fangemeinden und die Reputation der Klubs so unwichtig wie im Moment. Als Union vor Jahren als Außenseiter die erste Stadtmeisterschaft und ihren Helden Torsten Mattuschka feierte, zehrten die Fans aus der Alten Försterei wochenlang von diesem Triumph, liefen mit stolzgeschwellter Brust durch die Stadt. Nun darf sich Hertha zwar zum dritten Mal in Serie Stadtmeister nennen, aber die Freude darüber ist arg gebremst. Autokorsos am Kurfüstendamm oder blau-weiße Beflaggung in der City sind nicht angebracht. Im Abstiegskampf ist dieser „Titel“ wertlos.

Nur zwei magere Zähler Vorsprung auf den 1. FC Köln

Viel wichtiger: Mit einem Sieg im Derby hätte Hertha vier Punkte Abstand auf den Relegationsrang 16 gehabt, so aber sind es lediglich zwei magere Zähler auf den 1. FC Köln.

Wer wie ich als Reporter einst 2012 Hertha in der Relegation gegen Fortuna Düsseldorf erlebte und den folgenden Abstieg nach dramatischen und irregulären Zuständen im Rheinstadion, wünscht sich, dass das Team sich schleunigst aus dem Umfeld von Rang 16 entfernt. Noch verhängnisvoller empfand ich den Abstieg am 1. Mai 2010 nach einem 1:1 in Leverkusen – auch weil er nach 13 Jahren in der Ersten Liga lange undenkbar erschien. Das Gefühl totaler Leere aller Beteiligten in den Katakomben der Bay-Arena habe ich bis heute nicht vergessen. Auch mir ging es nah, denn ich wollte nicht plötzlich ein „Zweitliga-Reporter“ sein. Doch genug vom Abstiegsgeschwätz.

Auch wenn im jüngsten Derby, bei dem vielen Beobachtern die Augen wehtaten und selbst Dardai sein Team „nicht erkannte“, Hertha viele Qualitäten im Kampf um den Ligaerhalt vermissen ließ, machte mir die jüngste Rechnung des Ungarn Hoffnung. Aus den letzten vier Spielen hat die Mannschaft sieben Punkte geholt. Das sei ein guter Schnitt, so Pal, und einst auch die Vorgabe des geachteten Schweizer Trainers Lucien Favre bei Hertha gewesen. Wenn das in den kommenden vier Duellen gelingt, wäre das ein großer Schritt nach vorn. Gegen Mönchengladbach, Mainz, Freiburg und Schalke scheint mir das gut möglich zu sein. Danach folgen noch einmal drei Duelle.

Auch nächste Saison braucht es ein Derby

Für die Spannung und die Qualität der Bundesliga insgesamt wäre es ohnehin wichtig, dass es auch 2021/22 das Berliner Derby gibt. Da Schalke nicht mehr zu retten ist, fällt das Revierderby gegen Dortmund ins Wasser. Und sollte es auch Köln erwischen, platzen erst einmal die beliebten Rheinderbys gegen Leverkusen und Mönchengladbach.

Wie positiv es trotz enormer Anspannung im Abstiegskampf laufen kann, hat Pal Dardai einst als Profi auf dem Rasen erlebt. Unter Trainer Hans Meyer, den sich Dardai gern in kritischer Situation zum Vorbild nimmt, hatte Hertha 2004 nach 27 Spielen genauso wie im Moment nur 25 Punkte. 14 kamen noch hinzu! Platz 12 war der Lohn, der Klassenerhalt am vorletzten Spieltag gesichert.

Als Herthas Trainer gefragt wurde, wie er nun das Kräfteverhältnis zwischen Hertha und Union sehe, sagte er kurz: „Nimm die ewige Bundesligatabelle und schaue drauf!“ So was nennt man Selbstbewusstsein. Das muss er nun seinen Profis einimpfen.