Auch mit knapp 20 Jahren griff der feine Techniker schon mal gern zum groben Werkzeug, um sich in Szene zu setzen. Im Winter hatte Kevin-Prince Boateng wieder Großes vor. Foto: imago images/Camera 4

Wenn ich an Kevin-Prince Boateng denke, fallen mir spontan einige Dinge ein, die ich einst mit ihm erlebte: sein stark beachtetes Bundesliga-Debüt im August 2005 unter Trainer Falko Götz, ein paar schwierige Interviews, glanzvolle Pässe im Spiel und ein eher ruppiger Umgang mit uns Journalisten. Lange ist es her.

Am zurückliegenden Wochenende kaufte ich mir die neueste Ausgabe des Magazins Der Spiegel. Auf drei Seiten gibt Boateng, eines der größten Talente, das Hertha BSC je hervorbrachte, in einem Interview interessante Einblicke in sein aufregendes Leben als Profi.  In 13 oft namhaften Vereinen in Deutschland, England, Italien, Spanien und der Türkei hat der mittlerweile 33-Jährige gespielt.

Er sorgte oft für Furore, auf und neben dem Platz. Nachdem er 2010 im Finale des englischen FA-Cups Michael Ballack schwer gefoult hatte, was den deutschen Nationalspieler die Teilnahme an der Weltmeisterschaft in Südafrika kostete, wurde er zum Buhmann auserkoren. Beinahe, bislang von der Öffentlichkeit unbemerkt, wäre Kevin in der Winterpause liebend gern nach Berlin zurückgekehrt – wenn der damalige Hertha-Cheftrainer Jürgen Klinsmann auf Boatengs Nachricht reagiert hätte.

Boateng befeuert Fantasie

Hat er aber nicht. Gott sei Dank? Oder hat Hertha Pech gehabt? Boateng verriet nämlich im Interview: „Ich hatte mal so ’ne Idee im Winter, bevor ich nach Istanbul gegangen bin, da wollte ich eigentlich zu Hertha gehen. Dann hätte ich im Sommer einfach das Telefon genommen und den Götze angerufen und den Draxler und gesagt: ,Kommt her, Jungs. Lasst uns hier was aufbauen.‘ Das war so mein Plan, dass ich Hertha wieder attraktiver machen könnte.“ Tatsächlich spielte auch Klinsmann mit den Namen von Mario Götze und Julian Draxler, als er überall von der Champions League für Berlin palaverte, den Traum vom „Big City Club“ befeuerte und dabei die Realität, den Abstiegskampf, vergaß.

Kevin-Prince Boateng zeigte schon damals im Hertha-Trikot, dass er zumindest am Ball alles für eine Weltkarriere mitbrachte. Foto: imago images/Bernd König

Dennoch: Die unrealistischen wie unerfüllten Planspiele von Kevin-Prince Boateng regten meine Fantasie an. Marketingtechnisch wäre er auf jeden Fall ein Gewinn geworden. Sein Trikot, da bin ich mir sicher, hätte es zum Verkaufsschlager in den Fanshops gebracht. Der Fußball-Käfig in der Travemünder Straße im Wedding, in dem die Brüder Boateng – Kevin-Prince, Weltmeister Jerome und George – einst als Kinder jeden Tag auf Beton übten, besitzt das Potenzial, ein „Wallfahrtsort“ für den Fußball-Nachwuchs zu sein, wenn man ihn verschönert und originell auf seine Historie hinweist.

Der Prince lobt Dirk Kunert

Hertha BSC verdankt Boateng durchaus einiges. 2003 wurde er unter Trainer Dirk Kunert Deutscher Meister der B-Junioren. Als Hertha Boateng 2007 nach 42 Erstligaeinsätzen zu Tottenham Hotspur verkaufte, kassierte man immerhin 7,9 Millionen Euro Ablöse – damals eine stattliche Summe.

Boateng lobte Dirk Kunert, heute Chefcoach beim Regionalligisten Berliner AK, explizit im Spiegel-Interview: „Mein Jugendtrainer Dirk Kunert bei Hertha BSC war ein cooler Typ. Er hat mir immer wieder erklärt, dass Fußball das Schönste auf der Welt ist, er hat mich in diese Fantasiewelt gezogen.“

Kunert sagte mir nun am Telefon: „Das Lob freut mich. Kevin ist ein guter Junge und war immer ein Leader, egal, wo er gespielt hat. Er polarisiert und die jungen Spieler schauen zu ihm auf. Berliner fahren auf solche Typen ab.“ Es ist schon irgendwie beeindruckend: Vom Jungen aus dem Wedding, der als Siebenjähriger in Gummistiefeln im Fußball-Käfig jonglierte und tolle Tricks zeigte, ehe ihn ein Scout von Hertha entdeckte, bis zum europäischen Star – Boateng hat viel erreicht. Seine Rückkehr zu Hertha aber nicht.