Lief nicht! Weltmeister-Stürmer Luizao  erzielte in 26 Spielen für Hertha nur vier Tore.  Foto: imago images/Team2

Sami Khedira? Da war doch was! Ich sehe sofort eine Szene unmittelbar vor dem WM-Finale zwischen Deutschland und Argentinien am 13. Juli 2014 vor mir. Die Spieler von Bundestrainer Jogi Löw machen sich im Maracana-Stadion von Rio warm, als sich Khedira plötzlich an die Wade fasst und zu den Betreuern eilt.

Er hat sich verletzt! Vor dem größten Spiel seiner Karriere. Der Mittelfeldmann mit Stammplatz-Garantie verzichtet schweren Herzens auf den Einsatz, stellt das Wohl der Mannschaft über das eigene Ego. Es war wohl trotzdem der schlimmste Moment seiner Laufbahn.

Dennoch ist er danach Weltmeister. Nun hat ihn Hertha BSC mitten im Abstiegskampf verpflichtet – als Anführer und Strategen.

Pal Dardais Ebenbild

Der 33-Jährige, in 77 Länderspielen gestählt, hat den Zenit seiner Laufbahn überschritten und oft mit Verletzungen zu kämpfen. In den sozialen Netzwerken tobt das Pro und Kontra der Hertha-Fans angesichts dieser Verpflichtung. Ich finde den Transfer gut und richtig.

Trainer Pal Dardai hat mit Khedira nun beinahe sein Profi-Ebenbild  im Aufgebot: kampfstark, hart im Nehmen, überaus erfahren und mit extremer Siegermentalität ausgestattet. Meine einzige Sorge bezieht sich auf den körperlichen Zustand und die fehlende Spielpraxis von Khedira bei Juventus Turin.

Denn es gibt einen Fluch der Weltmeister bei Hertha BSC und ich möchte kein Déjà-vu erleben.

Sportinvalide anstatt Boss

Es begann 1982, als Hertha-Präsident Wolfgang Holst im Abstiegskampf mit Rainer Bonhof einen Weltmeister von 1974 nach Berlin lotste. Diese Verpflichtung erwies sich als Flop. Bonhof war bereits mit einer leichten Verletzung, einer eher harmlosen Zerrung, angereist.

Er bestritt nur sechs Spiele, musste nach dem unglücklichen Intermezzo samt Muskelabriss seine Laufbahn als Sportinvalide beenden. Eigentlich hatte der Weltmeister, der in Herthas Team hohes Ansehen genoss, einen Dreijahresvertrag unterschrieben. Übrigens: Hertha stieg damals ab.

Tolle Namen, wenig Erfolg

20 Jahre später folgte mit dem Brasilianer Luiz Carlos Bombonato Goulart, genannt Luizao, der nächste Weltmeister im Hertha-Trikot. Der Mittelstürmer war während der WM 2002 in Japan und Südkorea Back-up von Superstar Ronaldo und kam während des Championats zu einigen Kurzeinsätzen.

Begleitet von seinem Berater mit dem klangvollen Namen Thiago Granato wurde Luizao anlässlich des 110. Geburtstages von Hertha mit viel Brimborium präsentiert. Danach flogen der stolze Manager Dieter Hoeneß und der Weltmeister „standesgemäß“ in einem Hubschrauber nach Aue ins Erzgebirge, wo Hertha im Ligapokal gegen Bayern spielte und 3:4 nach Elfmeterschießen unterlag. Luizao aber fremdelte in Berlin, war häufig verletzt, kam in 26 Erstligaduellen nur auf vier Tore und verließ nach zwei Jahren den Verein.

Weltmeister Nummer drei kam als Trainer zu Hertha: Jürgen Klinsmann, Champion von 1990 in Italien. Klinsmann eroberte Hertha im Herbst 2019 als strahlender Hoffnungsträger und flüchtete nach wenigen Monaten frustriert durch die Hintertür, nachdem er den Machtkampf mit Michael Preetz verlor.

Nello beweist das Gegenteil

Ist Hertha BSC also ein schlechtes Pflaster für ehemalige Weltmeister? Es gibt auch ein Beispiel der anderen Art. Herthas langjähriger Teamleiter, der Italiener Nello di Martino, der auch an der Seite von Pal Dardai weiter auf der Bank jubelt und leidet, war bei der WM 2006 in Deutschland der Teambetreuer der italienischen Nationalelf und wurde in seinem Wohnzimmer Olympiastadion Weltmeister! Mehr geht nicht.

Sami Khedira sollte den Fluch der Weltmeister im Hertha-Trikot ignorieren. Denn jede Serie hat mal ein Ende.