Nicht immer einer Meinung: Präsident Werner Gegenbauer, Investor Lars Windhorst, Manager Michael Preetz (v.l.). Foto: Matthias Koch

Vor ein paar Tagen haben mich Reporter des Streamingdienstes DAZN für eine interessante Story interviewt. Es ging vor allem um die Generation der Boatengs bei Hertha BSC, die wilden Zeiten Mitte der 2000er-Jahre mit Kevin-Prince und Jérôme und ihrer Clique der Straßenfußballer, zu denen damals auch Ashkan Dejagah, Chinedu Ede oder Änis Ben-Hatira gehörten. Aber zu Beginn fragten mich die Fernsehleute, wie ich den Klub Hertha BSC denn sehe? „Was ist die Hertha eigentlich?“ Gute Frage.

Ich antwortete: „Der größte und populärste Fußballverein in Berlin, absolut unfertig wie die gesamte Stadt, immer in Bewegung und auf der Suche nach dem großen Erfolg, dem großen Glück, das sich nicht sofort einstellen will.“

So sehe ich auch die aktuelle Situation. Die Sehnsucht nach Europa, nach dem Anschluss an die Liga-Spitze, in deren Umfeld sich Hertha ja Ende der 1990er Jahre und auch 2008/09 schon kurzzeitig bewegte, ist riesengroß. All das wird unglaublich befeuert durch die enormen Investitionen von Unternehmer Lars Windhorst. Doch die simple Rechnung „Viel Geld führt zu viel Erfolg“ stellt sich nicht so schnell ein wie erhofft.

Die äußerst enttäuschende Vorstellung bei der jüngsten 0:2-Niederlage gegen den VfB Stuttgart hat viele Dinge krass zu Tage befördert. Die Ansammlung starker und teurer Individualisten ist noch längst nicht zu einer Einheit gereift. Spieler aus insgesamt zwölf Nationen zu integrieren, ist zudem eine Mammutaufgabe und braucht Zeit. Die Kommunikationsprobleme sind offensichtlich. Die gemeinsame Sprache auf dem Rasen sollte bald wieder Deutsch sein. Und vielleicht war der personelle Umbruch, den auch Trainer Bruno Labbadia zuvor in dieser Dimension noch nie erlebte, zu gewaltig. Alles Dinge, die man aber in den Griff bekommen kann. Allerdings alarmierend: Saisonübergreifend hat Hertha acht der letzten zehn Spiele verloren.

Mir erscheint die generelle Gemengelage im Moment brisant. Der Disput zwischen Investor und Verein kulminierte in diesen Tagen. Lars Windhorst ließ über seinen Berater und in den Aufsichtsrat entsandten ehemaligen Nationaltorhüter Jens Lehmann Forderungen öffentlich machen („Das Ziel ist allen bei Hertha BSC klar. Und das heißt Qualifikation für den europäischen Fußball!“). Da die Replik auf Lehmann auch sofort öffentlich erfolgte durch Präsident Werner Gegenbauer und Manager Michael Preetz („Jens Lehmann spricht über Hertha, wir sprechen für Hertha“), ist eine gewisse Anspannung im Verhältnis Verein und Investor erneut sichtbar geworden. Wer einerseits enorm viel Geld in Hertha investiert, darf Leistung einfordern. Andererseits muss den Protagonisten auf dem Platz, dem Trainer und seinen Profis, auch Zeit gegeben werden, die Ziele, die ja im Grunde gemeinsame Vorhaben sind, auch zu erreichen.

Die Kluft zwischen Anspruch und Forderungen vor allem der Investorenseite und der Realität auf dem Platz ist im Moment sehr groß. So ähnlich wie zu Zeiten von Jürgen Klinsmann. Das passiert bei Hertha aber nicht zum ersten Mal. Nachdem man 1999 einmal Höhenluft in der Champions League schnupperte und kurz zum Jetset gehörte, kam die kühne Idee auf, einen Antrag auf Aufnahme in den exklusiven Zirkel der G14, der besten europäischen Großklubs, zu stellen. Das war damals zu früh zu groß gedacht, ein Akt der Selbstüberschätzung wie die folgende sportliche Entwicklung bewies.

Bruno Labbadia aber ist derzeit mit seinen Problemen nicht allein. Ein altgedienter Bundesligaprofi berichtete mir kürzlich über ein Bonmot eines ehemaligen bekannten Trainers. Der sagte gern: „Ich habe immer eine tolle Mannschaft aufgestellt. Das Problem ist nur – nach dem Anpfiff begannen sich die Spieler zu bewegen.“ So ähnlich muss sich Labbadia wohl gegen Stuttgart gefühlt haben.