Früher Jubel in der Ostkurve, jetzt das neue Ritual bei Hertha: Die Profis entschuldigen sich für Heimklatschen. Foto: City-Press

Marc Kempf hat einen Vorteil. Er ist neu bei Hertha BSC und da hat man eher einen objektiveren Einblick auf seine neue Arbeitsstelle als die alteingesessenen Kollegen. Nach sieben Wochen sprach er nach der 1:4-Heimklatsche gegen Frankfurt direkt aus, dass es irgendwie in dieser Truppe an Teamgeist fehlt: „Jeder weiß, dass es als Mannschaft zwei Ticken zu wenig war. Ich habe hier noch kein Spiel gewonnen und mich kotzt das extrem an.“

Lieber Marc Kempf, Sie sind seit sieben Wochen hier. Und ich kann sagen, mich kotzt genau DAS als Hertha-Reporter seit über zweieinhalb Jahren an. Sechs Trainer, etliche neue Spieler, kein echtes Mannschaftsgefüge. Wie soll es denn auch gehen? Keinem einzelnen Coach, keinem einzelnen Profi kann man bei diesem Niedergang des Traditionsvereins einen Vorwurf machen.

Vergangene Saison war der Abstieg schon ganz nah. Trotz Corona-Quarantäne und Nachspiel-Marathon wurde die Klasse noch gehalten. Es war eine virtuelle Teamgeist-Entwicklung im Home-Office – ohne die Kollegen täglich auf dem Trainingsplatz zu sehen. Das sagt im Nachhinein viel aus. Kempf will mit seiner Wutrede die Mitspieler wachrütteln.

Und was macht Trainer Tayfun Korkut? Er relativiert, damit ja keine Unruhe aufkommt: „Das ist sein Gefühl. Das muss man respektieren. Das ist normal und gut.“ Er zeigt auch noch immer schützendes Verständnis für die Unleistung seiner Profis: „Wir sind nicht gut ins Spiel reingekommen. Die zwei Tore in der zweiten Halbzeit machen einiges mit der Mannschaft. Die kamen zum ungünstigsten Zeitpunkt.“

Der sachliche Korkut will Ruhe bewahren, das ehrt ihn ja. Aber er sollte den Wut-Ball von Kempf mal lieber aufnehmen. Denn Vernunft alleine hilft in der bedrohlichen Situation Hertha und auch ihm nicht mehr. Es geht um eine Ur-Emotion, um Existenzkampf.

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