Gute Laune: Matheus Cunha mit Marvin Plattenhardt. Foto: O. Winter

Eine Preisfrage für Hertha-Kenner zu Beginn: Was verbindet den Schweizer Trainer Lucien Favre und mich, den Kolumnen-Schreiber? Auf jeden Fall die Liebe zum brasilianischen Fußball. Favre beobachtete als 13-Jähriger Junge  1970 fasziniert am Fernsehapparat die Weltmeisterschaft in Mexiko und verliebte sich in die Mannschaft aus Brasilien um Pele, Rivelino, Gerson und Jairzinho. Mir erging es in Berlin ganz genauso. Für mich ist bis heute klar: Pele war der Größte! Nicht Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo. Der Trainer Favre ließ sich später stets vom brasilianischen Fußball inspirieren, baute etwa auf seiner ersten Trainerstation 1999/2000 beim Schweizer FC Yverdon auf sechs Spieler aus Brasilien. Der Klub bekam den Beinamen „Yverdinho“ verpasst.

Die Ballzauberer aus Santos oder Campina Grande konnte ich später bei Hertha als Reporter fasziniert verfolgen. Immerhin beschäftigte der Verein bislang in der Ersten Liga 16 Brasilianer. Die Wundertüte Alex Alves machte im Januar 2000 den Anfang, Matheus Cunha ist bislang der letzte Virtuose aus dem Land des fünfmaligen Weltmeisters. Als Lucien Favre einst die Hertha trainierte, standen fünf Samba-Kicker im Aufgebot.

Matheus Cunha gilt schon jetzt mit seinen 21 Jahren als „Unterschiedsspieler“, der Duelle allein entscheiden kann. Er bekam nun die Einladung, sogar in der Selecao, der Nationalmannschaft zu spielen. Das ist das Größte für jeden Profi aus Brasilien, das ist wie ein Ritterschlag, von dem Millionen Jungs zwischen Rio und Fortaleza träumen.

Wie schwer es beim Überangebot starker Spieler im größten Land Südamerikas ist, in die Selecao zu kommen, zeigt auch Folgendes: Von Herthas vielen Brasilianern kam nur ein Quartett zu Länderspiel-Ehren: Gilberto, der Mann mit den kräftigen Waden, hat 35 Mal für die Selecao gespielt, der kleine Mineiro kam auf 24 Einsätze, Mittelstürmer Luizao auf 16 Spiele. Bleibt noch mein einstiger Lieblingsspieler Marcelinho mit lediglich fünf Länderspielen. Der versaute sich mit einer wilden Fahrt über den Kaiserdamm (120 km/h mit 1,27 Promille im Blut) die WM-Teilnahme  2002. Nationaltrainer Felipe Scolari verzieh ihm diese Eskapade nicht.

Cunha, der ab und an zur Unbekümmertheit neigt, sollte sich solche Dinge nicht leisten. Seine erste Berufung bekommt in Corona-Zeiten leider einen Beigeschmack für Hertha und Trainer Bruno Labbadia. Der Trainer freut sich für Cunha und dessen Familie.  Auf der anderen Seite aber stehe der Corona-Aspekt. Die Sorgen des Trainers sind gut zu verstehen. Bei Reisen in Corona-Krisenregionen sind Spieler bei ihrer Rückkehr weiter von Quarantäne-Auflagen bedroht. Hertha muss nun abwägen, ob man Cunha überhaupt reisen lässt. Die Fifa hatte ja die Abstellungspflicht für Länderspiele aufgeweicht.

Cunha soll in den WM-Qualifikationsspielen gegen Bolivien am 10. Oktober und in Peru am 14.Oktober zum Einsatz kommen. Gegen Bolivien wird in der Neo Quimica-Arena in Sao Paulo gespielt, der Heimstätte von Corinthians. Gerade im Bundesstaat Sao Paulo, einem Ballungsraum, wütete das Corona-Virus besonders heftig. Eigentlich kein Platz, um Fußball zu spielen.

Für Cunha wäre ein Einsatz in der Selecao der bisherige Höhepunkt seiner jungen Karriere, doch ein Risiko bleibt. Wie wird Manager Michael Preetz entscheiden? Sollte er reisen dürfen und Tage später den Rückflug nach Berlin – rund 15 Stunden – hinter sich haben, muss er in eine fünftägige Quarantäne und wird Hertha im Spiel gegen Stuttgart am 17. Oktober  fehlen. Ich hoffe, Nationaltrainer Tite setzt Cunha auch tatsächlich ein, damit sich die Strapazen lohnen und Hertha trotz Bauchschmerzen stolz auf einen neuen Nationalspieler sein kann.