Ist er der künftige Hertha-Kapitän? Dedryck Boyata. Foto: Imago Images

Vedad Ibisevic, vier Jahre Mannschaftskapitän, hat Hertha verlassen, sein Vertrag wurde bekanntlich nicht verlängert. Der Mittelstürmer, 36, übte sein Amt mit seinem südländischen Temperament als „aggressiver Leader“ aus und genoss allenthalben Respekt. Nun ist der Posten vakant.

Wie soll er sein, der Nachfolger des Torjägers, der stets voranging? Lautstark und aggressiv auf dem Rasen? Meinungsstark und sozial in der Kabine? Auf jeden Fall muss er Stammspieler sein.

Im Testspiel gegen Viktoria Köln übernahm zu Beginn Torhüter Rune Jarstein die Kapitänsbinde. Als Trainer Bruno Labbadia nach 45 Minuten das komplette Team auswechselte, führte Abwehrmann Niklas Stark die Elf an. Ob beide Profis in die engere Wahl bei der Kapitäns-Kür gelangen? Vielleicht Stark, aber auch das ist nicht sicher. Jarstein muss wegen Zugang und Konkurrent Alexander Schwolow heftig um seinen Status als Nummer eins kämpfen und Stark, als Vize-Kapitän prädestiniert als Ibisevic-Nachfolger, hat zuletzt seinen Stammplatz in der Innenverteidigung eingebüßt.

Trainer Labbadia will zuerst den Mannschaftsrat durch die Profis wählen lassen und danach entweder selbst den Kapitän aus diesem Zirkel bestimmen oder gar auch den Spielführer von den Profis wählen lassen. Das würde viel Demokratie in der Hertha-Kabine bedeuten.

Fakt ist: Ein starker Spielführer ist sehr wichtig für das Klima im Team, gerade bei einer Mannschaft wie Hertha, in der im Moment nach dem Abschied zahlreicher Meinungsführer erst eine neue Hierarchie im Entstehen ist.

Seit der Gründung der Bundesliga 1963 haben 28 Profis das Kapitänsamt bei Hertha ausgeübt. Ich habe einige prägende Spielführer in kleine Gruppen eingeteilt. Da gab es die lauten, körperlich wie verbal robusten Typen wie Helmut Faeder („Der Dicke“), Uwe Kliemann („Der Funkturm“) oder Frank „Wuschi“ Rohde, der zuvor auch Kapitän beim BFC Dynamo und beim Hamburger SV war.

Zur Gruppe der eher zurückhaltend und sachlich agierenden Kapitäne zähle ich in den 70er-Jahren Lorenz Horr und Erich Beer, viel später Arne Friedrich und Fabian Lustenberger. Andere, wie Dirk Greiser, Michael Preetz oder Dick van Burik, überzeugten vor allem mit ihrer natürlichen Autorität.

Kann Tousart Kapitän?

Und nicht zuletzt der Kreis der aggressiven, beinharten Anführer mit großer Klappe auf dem Platz wie Axel Kruse, Kjetil Rekdal und zuletzt Ibisevic.

Ab und an geriet die Kapitänsfrage bei Hertha heftig in die Schlagzeilen. Immer dann, wenn ein Trainer überraschend einen Wechsel anordnete. So nahm Jos Luhukay im August 2013 seinem Kapitän aus der Aufstiegssaison, den rustikalen Antreiber Peter Niemeyer, plötzlich die Binde weg und übertrug sie Fabian Lustenberger. Der stehe für die Zukunft der Hertha, begründete Luhukay damals seine Wahl.

Im August 2016 aber suchte Luhukays Nachfolger Pal Dardai nach einiger Zeit einen anderen Spielertypen als Kapitän. Die gesamte Mannschaft benötige eine aggressivere Körpersprache, forderte Dardai. Deshalb löste Ibisevic den viel ruhigeren Charakter Lustenberger ab.

Und was passiert aktuell? Ich habe den Kader durchforstet. Für mich kommt vor allem der souveräne Abwehrchef Dedryck Boyata als Kapitän infrage. Der Belgier lässt Leistung sprechen und ist im Team anerkannt. Zugang Lucas Tousart aus Lyon hat allemal das Zeug zum Spielführer – aber sicher erst in Zukunft, wenn er sich in Berlin und der Bundesliga eingelebt hat. Aber vielleicht kommt doch noch Niklas Stark ins Spiel, sollte er sich seinen Stammplatz wieder ergattern.

All das hat auch Herthas neuer Sportdirektor Arne Friedrich im Blick. Der führte die Mannschaft einst sechs Jahre als Kapitän. Das ist Klubrekord. Sein Motto damals: Nach außen eher diplomatisch, intern auch gerne mal laut.

Labbadia wird gut beraten sein, sich bei Friedrich in der K-Frage Rat zu holen.