Hertha-Investor Lars Windhorst droht der Vereinsausschluss, sollten sich die Spionage-Vorwürfe bewahrheiten. 
Hertha-Investor Lars Windhorst droht der Vereinsausschluss, sollten sich die Spionage-Vorwürfe bewahrheiten.  Imago/Bernd König

In diversen Umfragen nach den größten Skandalvereinen der Bundesliga belegt Hertha BSC meist einen der vorderen Plätze. Im Moment passiert viel, um in diesem unbeliebten Ranking in der Spitzengruppe zu bleiben. Fakt ist, die gegenwärtige Affäre um Investor Lars Windhorst, die – sollten die Vorwürfe sich bewahrheiten – das Zeug zum Krimi-Mehrteiler besitzt, kann sich zu einem handfesten Skandal ausweiten. Laut den Ostkurven-Fans hat die Geschichte, das Potenzial, „alles Bisherige in den Schatten zu stellen“. Und das will etwas heißen.

Ein kleiner Blick zurück. Schon 1965 bastelte Hertha am späteren Image einer Skandalnudel. Um im eingemauerten Westberlin wettbewerbsfähig zu bleiben, zahlte man stark überhöhte Gehälter und in dieser Dimension verbotene Handgelder. Das wurde mit dem Zwangsabstieg aus der Liga knallhart bestraft.

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Hertha-Skandale: Zwangsabstieg und Bestechung

Nur sechs Jahre später, 1971, war Hertha in den großen Bundesliga-Skandal verwickelt, bei dem Spiele verschoben und Bestechungsgelder gezahlt wurden. Ich habe in den zurückliegenden Tagen mit zwei ehemaligen sehr prominenten Hertha-Profis telefoniert, die in den sportlich erfolgreichen 1970er-Jahren zu den Hauptdarstellern gehörten, aber auch die Auswirkungen des Skandals hautnah erlebten: Abwehrspieler Holger Brück und Torjäger Lorenz Horr. Brück feierte vorige Woche seinen 75. Geburtstag, Horr ist gar schon 80 Jahre alt.

Folgen des Bestechungsskandals 1971: Die Hertha-Profis Zoltan-Varga (l.) und Laszlo Gergely vor dem DFB-Bundesgericht in Frankfurt.
Imago/Horstmüller
Folgen des Bestechungsskandals 1971: Die Hertha-Profis Zoltan-Varga (l.) und Laszlo Gergely vor dem DFB-Bundesgericht in Frankfurt.

Beide, von den Fans bis heute verehrt, spürten die Folgen der krassen Verfehlungen der einstigen Hertha-Gilde. Horr hatte damals Glück, dass er nicht in die Bestechungen verwickelt wurde. In der Saison 1970/71 hatte er bis zum letzten Spieltag sämtliche 33 Duelle absolviert, fehlte aber beim dubiosen 0:1 gegen Arminia Bielefeld wegen einer Verletzung und war nicht dabei, als die Hertha-Profis nach der Niederlage mit 7:5 Stimmen für die Annahme von 250.000 Mark Bestechungsgeld durch Bielefeld votierten und pro Kopf 15.000 Mark kassierten.

Die Folgen waren verheerend: 15 Spieler und Manager Wolfgang Holst wurden für mehrere Jahre gesperrt, die Mannschaft zerfiel. Keiner dieser Profis durfte je wieder für Hertha spielen. Horr sagte mir nun erneut: „Es war nicht nur Glück, dass ich nicht dabei war. Ich hätte nie Geld für eine Niederlage angenommen. Ganz sicher nicht.“

Hertha BSC: Windhorst droht Vereinsausschluss 

Die Hertha-Fans in der Ostkurve forderten beim Spiel gegen die TSG Hoffenheim, dass Lars Windhorst als Mitglied vom Verein ausgeschlossen wird. 
Imago/Matthias Koch
Die Hertha-Fans in der Ostkurve forderten beim Spiel gegen die TSG Hoffenheim, dass Lars Windhorst als Mitglied vom Verein ausgeschlossen wird. 

Der unbelastete Lorenz Horr führte fortan das neu zusammengestellte Team als Kapitän, und Holger Brück, Zugang von Hessen Kassel, avancierte zum unentbehrlichen Stammspieler. Die Berliner Zuschauer aber bestraften Hertha mit Liebesentzug, der Besucherschnitt fiel drastisch: von rund 43.000 (1970/71) auf rund 23.000 (1971/72). Die Klubkasse leerte sich immer mehr.

Zurück zur Gegenwart. Der ganz große Unterschied zu Skandalen und Skandälchen aus der schillernden Historie ist, dass die Verantwortlichen des Klubs die aktuellen Vorkommnisse nicht selbst verschuldet haben. Doch wie soll man umgehen mit dem Investor, sollten sich die krassen Vorwürfe, eine geheime Verleumdungskampagne gegen den ehemaligen Präsidenten Werner Gegenbauer geführt zu haben, tatsächlich als wahr herausstellen? Als symbolischer Akt kommt ein Vereinsausschluss infrage, der in Paragraf 29 der Satzung geregelt ist (u. a. „grob vereinsschädigendes Verhalten“). Windhorst ist seit 2019 Mitglied bei Hertha und hoffte bei seinem Einstieg auf einen sportlichen Durchmarsch, der ihm viel Reputation eingebracht hätte. Ein Insider sagte mir, der Finanzjongleur träumte davon, so der „König Berlins“ zu werden.

Hertha BSC: Windhorst-Skandal überschattet Bernstein-Jubiläum

Ansonsten bleiben dem Klub wenige Maßnahmen. Windhorst besitzt 64,7 Prozent der Anteile an der Hertha KGaA, hat 374 Millionen Euro investiert, die dringend benötigt wurden. Großen Einfluss oder gar Entscheidungsbefugnis besitzt er nicht.

Schade finde ich, dass der windige Fall das Jubiläum „100 Tage Präsidentschaft“ von Kay Bernstein überschattet. Bernstein hat viel bewegt seit seiner Wahl am 26. Juni und vor allem eine neue, offene Atmosphäre geschaffen, das Gemeinschaftsgefühl gestärkt. Jetzt steht er vor einer großen Bewährungsprobe. Wenn es ihm gelingt, den Skandal zu managen – wie auch immer –, kann man ihn feiern.

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