Hertha-Trainer Felix Magath plauderte bei der Veranstaltung Berlinlounge aus dem blau-weißen Nähkästchen und fällt ein hartes Urteil über den Klub. Imago

Felix Magath hat die Ruhe weg. Herthas Cheftrainer plauderte vier Tage vor dem Abstiegsfinale bei Borussia Dortmund auf dem Podium der Veranstaltung Berlinlounge im Newscafé des Berliner Verlags entspannt über seine beeindruckende Karriere, die prägendsten Momente seines Fußballlebens und natürlich über seine Rettungsmission bei Hertha BSC.

Grund zur Anspannung hätte Magath angesichts Herthas Endspiels um den Klassenerhalt wahrlich genug. „Ein Abstieg wäre eine Katastrophe“, sagt Magath. Trotz des immensen Drucks scheint der 68-Jährige aber einen kühlen Kopf zu bewahren. Dabei helfen ihm seine in 50 Jahren gesammelten Erfahrungen im Fußball-Geschäft. Ein halbes Jahrhundert, erst als Spieler, dann als Trainer mit insgesamt 12 gewonnenen Titeln.

Im Laufe des 90-minütigen Gesprächs mit Initiator Said Yasavoli, der meist namhafte Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik  begrüßen darf, verrät Magath den Gästen im Feratti-Gebäude in der Alten Jakobstraße dann doch, dass er trotz aller Routine „die Nacht vor dem Spiel kaum schlafen werde“.

Felix Magath adelt Prince Boateng als Hertha-Anführer

Markus Wächter
Felix Magath, hier zusammen mit Berlinlounge-Initiator Said Yasavoli (r.) und Moderator Jörg Conradt (l.), stand den Gästen im Berliner Verlag Rede und Antwort.

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Die Lage ist schließlich weiterhin prekär. Hertha muss am letzten Spieltag beim Vizemeister punkten, um das Abrutschen auf Platz 16 und die Relegation zu vermeiden. Verliert man beim BVB, ist man auf die Schützenhilfe von Steffen Baumgart, dem Trainer des 1. FC Köln, der mit seiner Mannschaft am Sonnabend parallel beim VfB Stuttgart antritt, angewiesen.

Dennoch hat sich Herthas Cheftrainer viel Zeit genommen für das Treffen, das vornehmlich dient, um Business-Kontakte zu knüpfen. Magath, hellblaues Hemd und dunkelblauer Anzug, fühlt sich sichtbar wohl, lehnt sich immer wieder in seinen Sessel zurück und antwortet meist sehr ausführlich. Dass seine angetretene Rettungsmission bei Hertha BSC der schwierigste Job seiner Karriere ist, hat Magath bereits betont. Den Gästen der Berlinlounge erklärt er, wieso: „Diese Mannschaft war keine Mannschaft.“

Dann wird Magath konkret: „Wir haben zwei bis drei sehr gute ausländische Spieler im Kader, die aber noch keine Wurzeln in Berlin geschlagen haben. Dann haben wir zwei bis drei gute deutsche Spieler, die gerne hier sind, aber qualitativ noch zulegen müssen.“ Kurzum: Die Struktur des Teams war, nachdem er von Tayfun Korkut nach fünf Niederlagen in Folge übernahm, seine größte Hertha-Herausforderung.

Felix Magath stellt Hertha ein desaströses Zeugnis aus

City-Press
Prince Boateng war für Trainer Felix Magath der Schlüssel, um aus der Hertha-Mannschaft im Abstiegskampf eine Einheit zu formen.

Sein Schlüssel: Prince Boateng. Magath adelt Herthas verlorenen Sohn, der im Sommer mit viel Tamtam nach einer beindruckenden Karriere nach Berlin zurückkehrte, aber weder unter Pal Dardai noch Korkut eine Rolle spielte. Magath: „Ohne Prince wäre es nicht gegangen. Er ist der Einzige, der von allen akzeptiert wird. Mit seiner Präsenz hat er mitgeholfen, eine Einheit aus der Mannschaft zu machen.“

Den 35 Jahre alten Boateng zu stärken, ihn auch sportlich wieder wertvoll zu machen, indem er ihn offensiver spielen ließ als seine Vorgänger, war einer von Magaths Kniffs. Ein anderer war sein Führungsstil. Magath, bekannt für sein hartes Training mit schweren Medizinbällen und damit als „Quälix“, beschreibt ihn selbst als „autoritär“. Bedeutet: Nur sein Wort zählt, dazu klare Regeln und Anweisungen.

Magaths Hertha-Urteil: Alles neu machen

City-Press
Hertha-Sportchef Fredi Bobic (r.) kündigt für die neue Saison einen Umbruch an. Trainer Felix Magath soll diesen wohl nicht vorantreiben.

Abgeschaut hat sich Magath das von seinem einstigen Trainer beim Hamburger SV: „Für Branko Zebec war Disziplin unglaublich wichtig, um erfolgreich Fußball zu spielen. Und nur darum geht es. Das habe ich von ihm übernommen.“ Entsprechend gesteht Magath, dass er „versagt“ hätte, nach den Siegen in Augsburg und gegen Stuttgart und dem 1:1 in Bielefeld entscheidend gegenzusteuern. „Alle waren danach zufrieden. Haben vor dem Mainz-Spiel gedacht, jawoll, das schaffen wir jetzt. Denn Disziplin bringt Erfolg, aber Erfolg zerstört Disziplin“, erklärt Magath.

Hertha stellt er nach seiner Definition von Erfolg ein desaströses Zeugnis aus: „Ich denke, man muss Erfolg anhand der finanziellen Mittel messen.“ Deswegen seien auch nicht sein doppeltes Double mit dem FC Bayern und die Meisterschaft mit dem VfL Wolfsburg sein größter Erfolg gewesen, sondern die Rettung von Eintracht Frankfurt im Jahr 2000: „Das war meine beste Trainerleistung.“

Die könnte er nun bei Hertha toppen. Für die Blau-Weißen geht es bekanntlich auch im dritten Jahr nach der 374-Millionen-Euro-Sprize von Lars Windhorst, dem größten Investment der Bundesliga-Geschichte, nur darum, den Abstieg zu vermeiden – während der 1. FC Union mit viel weniger Geld erneut den Sprung ins internationale Geschäft geschafft hat. Entsprechend fällt Magaths Hertha-Urteil, auf die Frage, was er dem Klub in Zukunft empfehlen würde, knallhart aus: „Den Verein muss man grunderneuern.“

Fredi Bobic kündigt Hertha-Umbruch an

Dass er das genauso gut kann, wie als Retter einzuspringen, hat Magath bereits bewiesen. Dazu wird es bei Hertha aber wohl nicht kommen. Sportchef Fredi Bobic kündigte zwar einen Umbruch bereits an. Diesen soll wohl aber lieber Sandro Schwarz als Magath vorantreiben. „Ich fühle mich in Berlin sehr wohl. Aber es ist klar besprochen, dass es nur um diese Saison geht. Dieser Job ist hoffentlich am Samstag beendet“, so Magath.

Wer erlebt, wie viel Spaß und Leidenschaft er weiterhin verspürt, kann davon ausgehen, dass Magaths Trainerkarriere noch lange nicht vorbei ist. Egal wie seine Rettungsmission bei Hertha BSC ausgeht.

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