Kay Bernstein will als neuer Präsident eine neue Vereinskultur bei Hertha BSC etablieren. Er kommt aus der Fanszene und weiß, dass jede Menge Arbeit auf ihn wartet.
Kay Bernstein will als neuer Präsident eine neue Vereinskultur bei Hertha BSC etablieren. Er kommt aus der Fanszene und weiß, dass jede Menge Arbeit auf ihn wartet. imago images/nordphoto/Engler

Der Eintrag beim Internet-Lexikon Wikipedia ist lang. In 12927 Wörtern wird Hertha BSC dort vorgestellt. Ganze zehn Wörter – oder besser: ein Satz – widmen sich dem neuen Hertha-Präsidenten Kay Bernstein (41). Dabei hat der neue Boss des 130-jährigen Klubs das erste Kapitel der Vereinsgeschichte schon selbst geschrieben. Als ehemaliger Ultra ist er der erste Präsident eines europäischen Profi-Fußballklubs. Auf seine Vergangenheit will er nicht reduziert werden. Bernstein will echte Geschichte schreiben.

Der große Traditionsverein, der in den vergangenen drei Jahren trotz 374-Millionen-Euro-Finanzspritze durch Investor Lars Windhorst mit schon bemitleidenswerten Peinlichkeiten dem Bundesliga-Aus sehr nahe war, muss sich um 180-Grad wenden, um endlich wieder Liebling der Fans zu werden. Das ist Bernsteins Mission.

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Bernstein: „Das Goldelse-Projekt war aufgestülpt und trotzdem hilfreich“

„In den letzten Jahren wurde bei Hertha verwaltet, aber nicht Hertha gelebt. Wir müssen wieder nahbarer für alle werden – auch das Präsidium. Der Verein braucht den Stolz zurück. Das ist ein längerer Prozess, der von Innen herauskommen muss“, erklärte Bernstein schon kurz nach seiner Wahl am 26. Juni. Auch auf das vom ehemaligen Geschäftsführer Carsten Schmidt initiierte Goldelse-Projekt, das Hertha moderner machen sollte, ging er im anschließenden Gespräch mit dem KURIER-Reporter ein: „Der Ansatz war ja richtig, die Grundidee, dass sich bei Hertha etwas ändern muss. Doch das Ganze wirkte sehr übergestülpt. So kann es in einem Verein nicht funktionieren. Da müssen alle von sich aus mitmachen, sonst ist es nicht authentisch, und dafür haben die Leute ein feines Gespür. Trotzdem waren da viele Dinge hilfreich, wir werden uns besonders die Umfragen, die gemacht wurden, noch mal genau anschauen.“

Das klingt alles vernünftig und gemäßigt, und die von einigen noch immer gefürchtete chaotische Palastrevolution wird es nicht geben. Bernstein, der mit seiner blauen Trainingsjacke (hat bei vielen Fans schon Kultstatus) sportlich, jugendlich wirkt, kennt die Bedenken und hat sich selbst eine 100-Tage-Schonfrist gegeben. „Ich nehme die Ängste von einigen Mitgliedern ernst und bin immer zu Gesprächen bereit. Aber wir haben jetzt jede Menge Arbeit vor uns. Mal sehen, was in den ersten 100 Tagen passiert. Wenn ich dann einige enttäuscht habe, können sie es klar sagen – auf Augenhöhe“, erklärte Bernstein.

„Der Ruf der Arroganz muss beendet werden“

Kay Bernstein überzeugte die Mehrheit der Hertha-Mitglieder bei seiner Bewerbungsrede und wurde am 26. Mai zum neuen Präsidenten gewählt.
Kay Bernstein überzeugte die Mehrheit der Hertha-Mitglieder bei seiner Bewerbungsrede und wurde am 26. Mai zum neuen Präsidenten gewählt. dpa/Pedersen

Mehr Demokratie, mehr Leben im Verein und ein anderes Auftreten des gesamten Vereins nach 14 Jahren Amtszeit von Werner Gegenbauer. „Wir haben den Ruf der Arroganz und Unnahbarkeit. Das muss als Erstes beendet werden“, sagte Bernstein selbstkritisch.

Im Umkehrschluss kann man auch sagen: Der 1. FC Union hatte in den vergangenen Jahren ziemlich leichtes Spiel, um sein Image als fannaher Klub weiter auszubauen. Wer jetzt vermutet, dass Bernstein auf Kampfposition gegen die Eisernen geht, liegt völlig falsch. Auch diese Sätze unmittelbar nach seiner Wahl zum Derby, zum Bundesliga-Auftakt am 6. August, sollte jeder richtig verstehen: „Wir müssen erst mal den Mund halten und kleinere Brötchen backen. Wir sind der Underdog und nicht mehr Union. Das haben doch die drei Niederlagen in der vergangenen Saison gezeigt. Wir sollten ruhig bleiben und dann mal sehen, was an der Alten Försterei passiert.“

Bernstein: „Krawalle schaden nicht nur mir, sondern allen“

Sportlich, aber auch auf der Tribüne. Das dunkelste Kapitel der jungen Derby-Geschichte waren im November 2019 die unschönen Szenen ausgehend vom Hertha-Block. Bernstein will sich so eine Wiederholung nicht vorstellen. Gerade jetzt nicht – mit ihm als Vereinsboss: „Das sind negative Ängste. Wir sollten positiv nach vorne denken. Die Fans haben mit mir als Präsidenten, als einem von ihnen, eine riesige Chance, Hertha mitzugestalten. Das muss doch jedem klar sein, dass sie nicht nur mir, sondern damit allen schaden würden. Wir reden hier von mehr Verantwortung für alle, die geteilt wird. Die Fans haben auch eine Verantwortung untereinander.“

Am 30.Juli steigt bei Hertha BSC auf dem Olympia-Park das Jubiläumsfest zum 130. Vereinsgeburtstag. Bernstein wird eine Eröffnungsrede halten. Geschichte will er erst danach schreiben. Ganz sicher: Dann wird es bei Wikipedia auch mehr als einen Satz über Bernstein geben …

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