Jürgen Klinsmanns Zeit in Berlin war ein großes Missverständnis. Foto: Imago Images/Revierfoto

Die Spielzeit 2019/20 ist die wohl turbulenteste Saison, die ich seit 1990 bei Hertha BSC erlebte – und das will etwas heißen bei all den Kuriositäten, Auf-und Abstiegen, Trainerwechseln, großen Siegen und heftigen Niederlagen oder spektakulären Transfers in dieser langen Zeit.

Auch für mich begann die Saison mit einem Negativerlebnis, da ich in der Trainerfrage falsch lag. Als Manager Michael Preetz einen Nachfolger für Pal Dardai suchte, hatte ich mich auf den Schweizer Gerardo Seoane, den Meistercoach von Young Boys Bern, als Favoriten festgelegt. Zuverlässige Quellen sprachen für den als außergewöhnlich talentiert geltenden Trainer. Ich recherchierte viel, telefonierte mit zahlreichen Spielern und Managern aus Luzern, Zürich und Bern. Mein längeres Porträt dieses Fußballlehrers war fertig. Zwei Stunden bevor ich es in die Redaktion schicken wollte, erklärte Seoane im Schweizer Fernsehen, dass er trotz lukrativer Angebote aus dem Ausland in Bern bleiben werde.

Kein Seoane, aber dafür Ante Covic. Diesen altgedienten Herthaner hatte ich bereits 1996 kennengelernt, als er als temperamentvoller Flügelstürmer am lang ersehnten Aufstieg in die Erste Liga beteiligt war. Flugs holte ich meinen ersten Text über Covic aus dem Archiv, in dem ich ihn als eine Art ersten Teenie-Star bei Hertha beschrieben hatte. Das Jungenhafte hat er sich bis heute bewahrt. Er ist immer offen und ansprechbar. Seine Profis aber überforderte der Trainer Covic, wollte zu viel und zu schnell die hohen Vorgaben des Managements – offensiven und attraktiven Fußball spielen zu lassen – umsetzen. Covic scheiterte. Dass er nun nicht in die Geborgenheit der Hertha-Akademie zurückkehrt und sich anderenorts als Profitrainer bewähren will, finde ich gut.

Covic weg, Jürgen Klinsmann da. Starke Geschichte, dachte ich, das kann spannend werden. Den Klassestürmer Klinsmann hatte ich 1994 bei der WM in den USA und 1996 bei der EM in England hautnah erlebt und ihn einst in London für eine Reportage besucht, als er bei den Tottenham Hotspurs zum Torjäger und Diver aufstieg. Ich genoss nun bei Hertha die Aufbruchstimmung und ignorierte zahlreiche Stimmen anderer Kollegen, die Klinsmann für keinen guten Vereinstrainer hielten und hinter vorgehaltener Hand drastische Worte wählten. Sie sollten recht behalten, die Klinsmann-Zeit endete abrupt und mit einem unmöglichen Abgang des Protagonisten.

Von Klinsmanns Assistenten und Kurzzeit-Nachfolger Alexander Nouri sind mir nur die langweiligen und nichtssagenden Pressekonferenzen im Gedächtnis geblieben und die unsägliche 0:5-Heimpleite gegen den 1. FC Köln.

Auch Nouri musste gehen und Bruno Labbadia kam. Anfangs war ich etwas skeptisch, informierte mich aber schnell bei den Kicker-Kollegen, die den Trainer in Hamburg und Wolfsburg erlebt hatten. Die waren voll des Lobes über den Trainer und den Menschen Labbadia. Die ersten Statements des sehr authentischen Mannes gefielen mir – offen, ehrlich und fachlich kompetent. Die vielen starken Resultate passten später zu diesen positiven Eindrücken. Mit Labbadia kann es weiter aufwärts gehen. Da bin ich mir sicher. Kurios: Labbadia, der 25. Trainer, den ich bei Hertha erlebte, kenne ich bislang wegen Corona nur aus Video-Konferenzen bei Facebook.