Der Anfang vom Hertha-Chaos: 2019 entschied sich Manager Michael Preetz (r.) für einen Trainerwechsel, Ante Covic (l.) übernahm von Pal Dardai. Foto: Imago

Im Herbst vorigen Jahres bekam ich ein Angebot eines kleinen, aber renommierten Verlages aus Hildesheim, dessen Chef ein langjähriger Hertha-Anhänger ist. Mein Auftrag: Anlässlich des 130. Geburtstages der Hertha am 25. Juli 2022 soll ich ein Buch unter dem Motto „Die 100 wichtigsten Spiele von Hertha BSC“ recherchieren und schreiben.

Als ich das Projekt anging, war ich optimistisch, dass es trotz vieler schmerzhafter Niederlagen in der langen Historie auch genügend Spiele gab, nach denen ich großartige Siege, wunderbare Tore und tolle Profis beschreiben kann. So ist es auch gekommen. Dennoch ist eines auffällig: Seit drei Jahren, in denen Hertha sich mehr oder weniger im Abstiegskampf befindet, gab es kaum noch erfolgreiche Duelle zu beschreiben, die in die 100er-Hitliste passen.

Union schickt Hertha in Richtung Abstieg

Das jüngste Derby gegen den 1. FC Union gehört natürlich ins neue Buch. Es wird aber wahrscheinlich als Tiefpunkt in die Historie eingehen, denn die bärenstarke Union-Mannschaft hat mit dem 4:1-Sieg im Olympiastadion die desolate, auseinanderfallende Hertha ganz nah Richtung Abstieg geschickt.

Ich fragte mich noch unter dem Eindruck der Demütigung im eigenen Wohnzimmer, wann die miese Entwicklung der Mannschaft, die gefühlt eine Ewigkeit anhält, eigentlich begonnen hat? Ich glaube, es war die falsche strategische Entscheidung des einstigen Langzeit-Managers Michael Preetz, der sich 2019 von Trainer Pal Dardai trennte und auf den U23-Coach Ante Covic setzte.

Preetz Covic-Experiment ging krachend schief

Der sollte, so Preetz, nach sorgenfreien Jahren der Stabilität unter Dardai – meist im Mittelfeld der Liga mit Ausreißern nach oben – neuen Schwung bringen und offensiveren, attraktiveren und erfolgreicheren Fußball spielen lassen. Das Experiment ging krachend schief, was danach kam, ist oft genug beschrieben worden: Viel Geld vom Investor, die Geburt des „Big City-Clubs“, utopische Wunschträume und Ziele, immer neue Trainer, immer teurere Profis, viel Ballyhoo, Corona und Abstiegskampf.

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Nach nur 12 Spieltagen und dem 0:4 in Augsburg feuerte Michael Preetz Ante Covic und machte Jürgen Klinsmann zum Hertha-Coach. Besser wurde es nicht ...

Jetzt steckt Hertha ganz tief im Tabellenkeller und mein Glaube an die sportliche Wende hat arg gelitten. Trotz und zuletzt auch wegen Felix Magath. Der Altmeister fiel gegen Union mit kuriosen Entscheidungen in Sachen Startelf auf, verlor mit erratischen Erklärungen einiges von seinem Zauber als vermeintlicher Retter und erinnerte an das oft altvordere Wirken von Otto Rehhagel in der Abstiegssaison 2011/12.

Ex-Herthaner Maike Franz: Beim Abstieg fallen Profis weich

Ich will den Teufel nicht an die Wand malen, noch ist Hertha nicht abgestiegen, aber wer leidet am meisten, wenn der worst case eintritt?

Ich habe mich darüber mit dem ehemaligen Bundesligaprofi Maik Franz („Iron Maik“) unterhalten. Der Abwehrmann war gleich dreimal in seiner Karriere abgestiegen – mit dem Karlsruher SC, mit Eintracht Frankfurt und 2012 mit Hertha BSC. „Die Abstiege erlebte ich immer auf der Couch, weil ich jedes Mal in der Schlussphase recht schwer verletzt war“, sagt Franz. Er hat eine klare Meinung: „Als Spieler geht es nach Abstiegen immer weiter, da fällst du relativ weich. Die meisten werden einen anderen Verein in der Ersten Liga finden. Das ist kein Vorwurf, aber eine Tatsache. Ich habe es ja genauso gemacht.“

Hertha-Fans bleiben auch in der Krise treu

Franz sagt: „Jeder Abstieg ist dennoch dramatisch, vor allem trifft es die Angestellten im Klub. Die leiden meist unter Einsparungen oder verlieren gar ihren Job.“ Auch die Fans sind immer die Leidtragenden, aber echte Anhänger bleiben treu. Ich habe nachgeschaut – nach den Abstiegen der Hertha 2010 und 2012 blieb der Zuschauerschnitt hoch: 46.131 in Liga zwei 2010/11 und 40.921 in der Zweiten Liga 2012/13.

So, genug der trüben Gedanken! Ich hoffe sehr, dass ich mich Mitte Mai revidieren muss und Felix Magath in dieser Kolumne als Retter feiern kann. Wichtige, erfolgreiche Spiele unter seiner Regie am Saisonende kommen dann sofort ins Buch der „Top 100“. Versprochen.

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