Herthas Trainer Sandro Schwarz klatscht den Fans Beifall und bedankt sich für die Unterstützung.
Herthas Trainer Sandro Schwarz klatscht den Fans Beifall und bedankt sich für die Unterstützung. imago images/Koch

Das Rätsel um Dodi Lukebakios (25) wunderbare Wandlung ist gelöst. Doch Trainer Sandro Schwarz (44) hatte in seinem ersten halben Jahr bei Hertha BSC noch viel mehr Baustellen zu bewerkstelligen. Im zweiten Teil des KURIER-Interviews spricht der Coach über Nackenschläge, Teamgeist, Hertha-Freude und die WM.

Hertha steht auf Platz 15, weil viele Punkte in den letzten Spielminuten verschenkt wurden. Doch kein Spieler ließ sich hängen. Herr Schwarz, wo ist denn da Ihr Trick?

Sandro Schwarz: Ich habe keine Trickkiste, ehrlich nicht. Es ist auch nicht so, dass es um mich geht und die Jungs das Gefühl haben, dass ich sie besonders überzeugen muss. Nein, ich bin total überzeugt von dem, was wir machen. Ich sehe meine Jungs, wie sie diesen Weg mitgehen. Wie sie gar nicht anders Fußball spielen wollen. Das fühlt sich gut an.

Doch die Tabelle sieht nicht so gut aus …

Schwarz: Ja, das ist das Einzige; was sich nicht gut anfühlt, ist, dass wir den ein oder anderen Punkt zu wenig haben. Was uns nervt, sind die Punkte, die wir liegen gelassen haben. Alles andere, was die Jungs angeht, wie sie miteinander umgehen, fleißig sind und Spaß haben, so stelle ich mir eine Gruppe vor.

Der Teamgeist ist nach drei chaotischen Jahren wiederhergestellt. Wie geht das so schnell?

Schwarz: Ich kann und möchte nur die Zeit bewerten, die ich hier bin. Es ist unser täglicher Umgang, wie wir miteinander umgehen und füreinander da sind. Und das ist das, was die Leute, die Fans auch spüren. Da wächst etwas zusammen. Das ist eine gute Energie in der Gruppe.

Hat Ihre Überzeugungskraft etwas mit Ihrem christlichen Glauben zu tun?

Schwarz: Der Glaube, ja, den habe ich, aber er hat damit weniger zu tun. Es ist einfach mein Naturell. Es ist die Überzeugung, dass du jeden Tag wieder eine neue Chance hast. Egal, wie viele Nackenschläge du bekommst. Chancen, Herausforderungen kannst du beeinflussen.

Hertha-Trainer Sandro Schwarz: „Geld war noch nie ein Kabinenthema“

Vier Hertha-Profis, mindestens drei verschiedene Gehaltskategorien. Lucas Tousart (3. v. r.) ist Topverdiener, Jonjoe Kenny, Suat Serdar und Ivan Sunjic bekommen weniger Geld. Trotzdem jubeln sie gemeinsam.
Vier Hertha-Profis, mindestens drei verschiedene Gehaltskategorien. Lucas Tousart (3. v. r.) ist Topverdiener, Jonjoe Kenny, Suat Serdar und Ivan Sunjic bekommen weniger Geld. Trotzdem jubeln sie gemeinsam. dpa/Gora

Es kamen viele Spieler im Sommer, die weniger verdienen als Kollegen, die länger da sind. Wie geht man da als Trainer damit um, dass kein Neid aufkommt?

Schwarz: Die Jungs spüren, dass wir uns nicht darüber definieren, wer wie was verdient. Ehrlich nicht. Da war noch nicht einmal ein Gedanke oder ein Satz notwendig, wie wir damit umgehen. Das ist gar kein Thema. Was die Gruppe betrifft, gibt es einen klaren Rahmen, wo sich jeder bewegen und frei entfalten kann – mit Regeln und Grenzen.

Zurück zu den Nackenschlägen und Toren in den Schlussminuten. Vergangene Saison konnte das Team in den letzten drei Spielen nicht Platz 15 sichern und landete in der Relegation. Ist das ein kollektives Trauma?

Schwarz: Wir haben das zu Beginn der Saison thematisiert, auch individuell mit dem ein oder anderen Spieler. Das ist der erste Schritt, um andere Bilder entstehen zu lassen. Du kannst das nicht einfach unter den Deckmantel kehren und ignorieren. Da bin ich kein Freund davon. Das musst Du ganz offen ansprechen. Jetzt haben wir mal den Anfang gemacht mit Köln. 1:0 geführt und dann den Deckel mit dem 2:0 draufgemacht. Wir haben zudem als Mannschaft den Beweis angetreten, dass wir mit Nackenschlägen umgehen können. Der Punkt ist: Die Nackenschläge hätten wir vermeiden können. Die Realität ist, dass wir dadurch auf Platz 15 stehen.

Was oder wer hat Sie in den ersten Monaten besonders überrascht?

Schwarz: Es ist kein einzelner Spieler, sondern die Gruppe, wie schnell sie sich gefunden hat. Und die Leute spüren, dass da eine Mannschaft auf dem Platz ist, die für den Klub alles gibt. Ich bin glücklich darüber, dass die Fans den Weg mitgehen. Das freut mich, dass wir das innerhalb dieser kurzen Zeit, auch mit diesen Nackenschlägen, hinbekommen haben.

Hertha-Trainer Schwarz: „DFB-Spieler einfach in Ruhe lassen“

Erkennen Sie als Fußballlehrer neue Dinge bei der laufenden WM?

Schwarz: Ich glaube, was Fußballtrends betrifft, wird es nur auf Topvereinsebene stattfinden – Champions League. Bei WMs geht es weniger um Trends.

Was sagen Sie zu dem „One Love“-Binden-Eklat?

Schwarz: Das Thema hätte vorher geregelt werden müssen. Ein paar Stunden vor dem England-Spiel? Das finde ich skandalös von der Fifa. Es ist meine persönliche Meinung: Da ist kein Spieler, Trainer oder Offizieller für verantwortlich. Man sollte jetzt keine Erwartungshaltung schüren an irgendwelche Spieler oder Trainer, was er jetzt tun muss. Spieler und Trainer bitte jetzt in Ruhe die WM spielen lassen.

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