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Große Trauer: Richard von Weizsäcker: Der Präsident, den die Deutschen liebten

Locker und lächelnd. Als Staatsoberhaupt machte der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker oft eine brillante Figur.

Locker und lächelnd. Als Staatsoberhaupt machte der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker oft eine brillante Figur.

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dpa

Berlin -

Er war kein Volkstribun. Mehr ein Grandseigneur als ein Machtmensch, viel eher ein Gentleman als ein großer Zampano. Ein großer Intellektueller, der es schaffte, dass die Deutschen ihn liebten. Und die jetzt um ihn trauern: Altbundespräsident Richard von Weizsäcker starb am Samstag im Alter von 94 Jahren in Berlin.

Das höchste Amt im Staat füllte er von 1984 bis 1994 sehr selbstbewusst und mit beachtenswerter Selbstverständlichkeit aus. Sich wegducken, Problemen ausweichen, parteipolitisch denken und handeln – das ging dem CDU-Mann komplett gegen den Strich. Das Volk dankte ihm diese politische Geradlinigkeit: Kaum ein deutscher Politiker nach dem Krieg war so populär und beliebt wie „Richie“.

Seine Laufbahn im Schnelldurchgang: 1954 Eintritt in die CDU, seit 1956 im Bundesvorstand, 1959 Bundestagsabgeordneter, 1974 erste Kandidatur als Bundespräsident (Niederlage gegen Walter Scheel), 1981 bis 1984 Regierender Bürgermeister von Berlin, 1984 bis 1994 Bundespräsident.

Und als solcher legte er sich mit den Mächtigsten im Staate an. Vorzugsweise auch mit Helmut Kohl. Der „ewige Kanzler“ war regelrecht eifersüchtig auf den brillanten Redner und klug taktierenden Politiker von Weizsäcker. Wiederholt pöbelte der pfälzische Saumagen-Fan Kohl parteiintern gegen den Feingeist aus württembergischem Adelsgeschlecht: „Der hält sich sowieso immer für den Klügsten und Besten.“

Vielleicht neidete Kohl ihm, dass von Weizsäcker in fast allen politischen Lagern beliebt war – selbst bei den Linken. Auch deren Zuneigung hatte er sich mit politischer Aufrichtigkeit und für einen Bundespräsidenten sehr mutigen Einmischungen ins Berliner Politbusiness verdient.

Sein größter Auftritt: die „Jahrhundert-Rede“ zum 40. Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai 1985. Den Menschen in Deutschland, die diesen Tag mehrheitlich immer noch als Tag der Niederlage empfanden, sagte er seine Botschaft: „Dies ist ein Tag der Befreiung vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“ Eine Rede, die selbst hartnäckige Kriegsgegner berührte, bis dato verschlossene Türen im Ausland öffnete, Opfer, Täter und Mitläufer gleichermaßen aufrüttelte.

Sehr kritisch ging Richard von Weizsäcker auch mit der Wende-Euphorie nach dem Ende der DDR um. Während Helmut Kohl den Menschen dort „blühende Landschaften“ versprach, warnte von Weizsäcker davor, dass das geteilte Deutschland „nicht zusammenwuchern“ solle.

Seine Befürchtungen waren alles andere als unberechtigt. Für die Menschen ging er auch deshalb als „Präsident der Einheit“ in die Geschichtsbücher ein. Ein weiterer Beiname: „Das deutsche Gewissen.“ Bundespräsident Joachim Gauck zum Tod seines früheren Amtsvorgängers: „Wir verlieren einen großartigen Menschen und ein herausragendes Staatsoberhaupt. Er stand für eine Bundesrepublik, die sich ihrer Vergangenheit stellt. Richard von Weizsäcker hat sich um unser Land verdient gemacht. Wir werden ihn nicht vergessen.“