Covid-19-Patienten auf einer Intensivstaion.  Foto: Jorge Saenz/AP/dpa

Der KURIER beantwortet wichtige Fragen zur Pandemie. In Teil 3: 

Werden die Maßnahmen gegen die Pandemie mehr Schäden anrichten als Covid-19 selbst?

Kollateralschäden gibt es nicht nur durch die Einschränkungen, die die Ausbreitung des Virus verhindern sollen. Auch Covid-19 selbst kann erhebliche Kollateralschäden verursachen, wenn etwa aufgrund von Klinik-Überlastungen andere Krankheiten nicht behandelt werden können. Oder wenn Menschen, die in kritischen Bereichen arbeiten, schwer erkranken oder sterben.

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Klar ist, dass die positiven wie negativen Effekte der möglichen Pandemie-Strategien abgewogen werden müssen. Wenn Covid-19 sich unkontrolliert ausbreitet, kann ein signifikanter Teil der Bevölkerung schwer erkranken und an noch nicht klar bekannten Langzeitfolgen leiden oder sterben. Die USA, wo die Einschränkungen geringer ausfielen, meldeten bislang rund 190.000 Todesfälle – im Jahr 2020 ist Covid-19 neben Herzkrankheiten und Krebs dort daher eine der häufigsten Todesursachen.

In Deutschland sind bislang mehr als 9000 Covid-19-Patienten gestorben – nach einer kürzlich von deutschen Pathologen vorgestellten Statistik zu 154 Obduktionen war Covid-19 bei 86 Prozent der Verstorbenen die Todesursache. Ohne Kontaktbeschränkungen und Vorsichtsmaßnahmen wären wohl zehn- wenn nicht hunderttausende Menschen mehr an Covid-19 verstorben.

Welche negativen Auswirkungen und wie viele Todesfälle die Schritte zur Eindämmung der Krankheit hatten, ist im Wesentlichen noch unklar – teils fehlen noch aussagefähige Statistiken, insgesamt gibt es zu wenig Forschung in diesem Bereich. Die Krankenhäuser waren frühzeitig darauf vorbereitet worden, viele Corona-Patienten aufnehmen zu können, wichtige andere Operationen wurden jedoch großteils noch fortgeführt und mussten auch nicht wegen Überlastung abgesagt werden. Vielfach gab es Befürchtungen, dass dennoch durch fehlende Behandlungen oder Sorgen von Patienten vorm Arzt- oder Klinikbesuch mehr Menschen versterben als sonst – Übersterblichkeit wird dieses Phänomen genannt.

Bislang zeichnet sich jedoch noch keine solche Entwicklung ab – obwohl die Zahl der stationären Krankenhausbehandlungen zwischen Januar und Mai 2020 in Deutschland um 15 Prozent zurückging. „Über die Covid-19-Fälle hinaus wurde noch keine Übersterblichkeit bei anderen Erkrankungen festgestellt“, heißt es in einem Abschlussbericht von Gesundheitswissenschaftlern, die die Auswirkungen des Gesetzes untersucht haben, mit dem Kliniken auf die Pandemie vorbereitet wurden. „Dies spricht dagegen, dass sich die Sterblichkeit von nicht oder verspätet stationär behandelten Patientinnen und Patienten erhöht hat“, schreiben sie. Zahlen zu Suiziden werden in Deutschland nur mit größerem Zeitverzug zusammengetragen, so dass die Entwicklung hier noch unklar ist – doch in Interviews haben Psychiater teils berichtet, dass sie keine Zunahme bemerken konnten. Teils gab es sogar womöglich weniger Suizide als im Vorjahreszeitraum: So meldete der hessische Rundfunk kürzlich, dass die Polizei in Hessen von März bis Juli 14 Prozent weniger Suizide verzeichnete als im Vorjahreszeitraum.

In anderen Ländern kann dies jedoch deutlich anders aussehen: Aus den USA, wo viele Menschen kaum sozialversichert sind, wurde teils über starke Anstiege der Suizidraten verzichtet. Und wenn in armen Ländern etwa in Südostasien oder Afrika aufgrund von Kontaktbeschränkungen Nahrungsmitteln nicht transportiert oder Moskitonetze nicht verteilt werden können, kann die Zahl der hierdurch verursachten Todesfälle schnell jene durch Covid-19 übersteigen.