Zu viel zu tun, zu viel Stress? Aber war das früher wirklich alles besser?
Zu viel zu tun, zu viel Stress? Aber war das früher wirklich alles besser? IMAGO / imagebroker

„Stress mich nicht!“, „Macht dir keinen Stress!“, „Ich will nicht, dass das in Stress ausartet.“ Wie oft haben Sie heute schon von Stress gesprochen, Stress gefühlt oder Kollegen und Freunde fluchen hören, dass ihnen alles zu viel ist? Stress ist allgegenwärtig. Scheinbar unser täglicher Begleiter in einer immer hektischer werdenden Zeit voll mit digitalen Medien und gesellschaftlichen Ansprüchen. Und Stress ist vor allem eins: negativ besetzt. Aber ist Stress wirklich immer schädlich? Wenn ja, wie sehr? Und war früher wirklich alles besser?

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Eins steht fest: So schlecht wie im vergangenen Jahr ging es Deutschland noch nie! Die Zahl der Krankschreibungen wegen psychischer Leiden wie Depressionen, Angststörungen oder chronischer Erschöpfung hat drastisch zugenommen – und die Arbeitnehmer fallen immer länger aus. Die Zahl der Krankheitstage wegen psychischer Leiden sei in Deutschland 2021 auf den Höchstwert von 126 Millionen gestiegen. Durchschnittlich 48 Tage fiel ein psychisch Kranker 2021 aus. Höchstwerte, die es in Deutschland so noch nie gab.

Der absolute Stress scheint also ein Phänomen der modernen Gesellschaft zu sein. Moderne Medien, Internetverfügbarkeit wann und wo man will, das ständige Klingeln des Telefons, die permanente Erreichbarkeit - all diese Teufelswerkzeuge halten uns fest in der Mühle des immer schlimmer werdenden Stresses. Aber stimmt diese weit verbreitete Denkweise wirklich? War früher wirklich alles besser? Ist Stress eine Geisel der Gegenwart, ein Kollateralschaden von Digitalisierung und Globalisierung?

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„Früher gab es einfach andere Stressfaktoren“

Ja und nein! Man darf getrost bezweifeln, dass unsere Ahnen wesentlich ruhiger gelebt haben in Zeiten geprägt von Kriegen, Hungersnöten und hoher Kindersterblichkeit.

„Früher gab es einfach andere Stressfaktoren: Ressourcenmangel zum Beispiel. Da fehlte es an ganz Essentiellem“, sagt Hans Jürgen Kraux vom Sana Klinikum in Lichtenberg. „Damals gab es in dieser Hinsicht eine gefühlte Hilflosigkeit, weil einfach Dinge fehlten, die notwendig gewesen wären. Außerdem ist in allen Pflegeberufen das Leid der anderen ein großer Stressor“, so der Psychologe.

Im Grunde geht jede Anpassung mit Überforderung einher - auch Anfang des 20. Jahrhunderts schon. Zarte Naturen wie der Literat Franz Kafka litten damals schon an Neurasthenie, einer Nervenschwäche. Eine zeitgenössische Karikatur zeigt eine verzweifelte Person mit einem Telefonhörer links am Ohr und einem rechts. Darüber steht: Neurasthenie. Auch die Taschenuhr spielte als Grund für Unruhe eine Rolle. Mancher guckte immerzu darauf, um sich bloß nicht zu verspäten.

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Psychische Leiden führen deutschlandweit zu immer mehr Krankheitstagen.
Psychische Leiden führen deutschlandweit zu immer mehr Krankheitstagen. IMAGO / Shotshop

Der Begriff „Neurasthenie“ (von griechisch „neuron“ für Nerv und „astheneía“ für kraftlos und schwach) wurde ab 1880 durch den New Yorker Nervenarzt George M. Beard bekannt und war Anfang des 20. Jahrhunderts eine wirklich häufige Diagnose. Patienten klagten über mangelnde Belastbarkeit und gesteigerte Ermüdbarkeit oder körperliche Schwäche und Erschöpfung, häufig begleitet von Kopfschmerz, Gliederschmerzen, Muskelverspannungen und der Unfähigkeit zu entspannen.

Das kommt Ihnen bekannt vor? Natürlich, sind es doch ganz ähnliche Symptome wie diese, die heute den Stempel Burnout bekommen.

Das Mobiltelefon einfach mal ausmachen

Der Bielefelder Historiker Joachim Radkau ist Experte für Mentalitäts-, Medizin- und Umweltgeschichte und Autor des Buches „Das Zeitalter der Nervosität“. Er erzählt: „Zwischen dem rasanten Anwachsen der Klagen über Burnout heutzutage und der Neurasthenie-Welle ein Jahrhundert davor gibt es auffällige Analogien.“ Bei beiden Diagnosen handele es sich um Importe aus den USA, in beiden Fällen seien sie besonders im deutschen Kulturraum eingeschlagen.

Bilden wir uns unseren Stress also nur ein? Geht er womöglich bald wieder vorbei? Eher nicht! Zumindest nicht, wenn wir nicht aktiv etwas dagegen unternehmen. „Die Erreichbarkeit ist größer geworden. Ich kann im Krankenhaus kaum ein Wort mit einem ärztlichen Kollegen wechseln, ohne, dass irgendein Telefon klingelt“, berichtet Hans Jürgen Kraux. Als Gegenmittel empfiehlt der Psychologe eine Regulierung der Erreichbarkeit. Das Mobiltelefon kann man auch einfach mal ausmachen!

Außerdem plädiert er für die Einführung von Telefonzeiten - vor allem für Mitarbeiter, welche klassische Verwaltungs- oder administrative Aufgaben haben. Also feste wöchentliche Termine, an denen man für seine Kontakte telefonisch zur Verfügung steht. Zu anderen Zeiten ist das Telefon eben nicht besetzt. „Man kann den Telefondienst auch innerhalb des Teams aufteilen, so dass jeder einmal dran ist.“

*Dieser Artikel erschien zuerst im Berliner KURIER vom 18.5.2018.