Positives Denken macht gesund? Wissenschaftlich erwiesen ist das leider nicht, sagen Experten. Foto: dpa

Einfach positiv denken, und schon lässt meine Arthritis oder meine Grippe nach? Bei der Frage muss der Neurowissenschaftler Prof. Manfred Schedlowski von der Uniklinik Essen lachen: „So einfach ist das nicht! Das können wir aus wissenschaftlicher Sicht nicht beantworten.“

Und was ist mit negativen Gedanken – können sie Körperprozesse beeinflussen? Das beantwortet die Wissenschaft mit einem „Ja“. Schedlowski erklärt: „Wir können den Stress der Menschen messen, also die psychosoziale Belastung im weitesten Sinne.“ Das Ausmaß positiver Emotionen ist dagegen ein individueller Aspekt. „Denn was für den einen positiv ist, mag für den anderen negativ sein.“

Patienten unter Druck

An dem Tipp „Nur positiv denken“ stört sich auch Imad Maatouk, Leiter der psychoonkologischen Ambulanz am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen in Heidelberg. Denn der vermeintlich harmlose Ratschlag sei mit Risiken behaftet: „Damit schürt man bei Patienten, die an einer schweren Erkrankung wie Krebs leiden, falsche Hoffnungen, die man nicht erfüllen kann.“

Außerdem setze man die Patienten so unter Druck. „Sie haben dann das Gefühl, nicht alles richtig zu machen, wenn sie sich schlecht fühlen“, sagt Maatouk. „Sie verbieten sich sogar oft, schwierige Gedanken und Gefühle anzusprechen.“ Das kann zusätzlichen psychischen Stress verursachen. Und Stress ist ungesund, so viel steht fest.

Erwartung beeinflusst Wirkung

„Vermeiden wir Stress im weitesten Sinne, hat das durchaus einen positiven Einfluss auf die Physiologie, also auf die Hormonausschüttung und damit auf die Funktionsweise des Immunsystems“, sagt Schedlowski. Das beweise der Placeboeffekt: „Hier sehen wir, dass die Erwartung die Wirkung beeinflussen kann und damit auch den Krankheitsverlauf.“

Versichert der Arzt dem Patienten, dass ein bestimmtes Medikament ihm sehr gut helfen und die Symptome lindern werde, hat der Patient entsprechend positive Erwartungen. „Das verändert dann die Neurochemie im Gehirn“, erklärt Schedlowski. Und das wiederum hat einen Einfluss auf die Wirkung von beispielsweise Schmerzmedikamenten, die so besser wirken können.

Realistische Vorstellungen

Die umgekehrte Variante des Placebo-Effekts heißt Nocebo: Hier wird bei einem Patienten durch eine Behandlung oder ein Medikament die Befürchtung aufgebaut, noch kränker zu werden. „Das passiert oft, wenn wir den Beipackzettel lesen„, erklärt Schedlowski. „Daraus folgt, dass man sich Krankheiten tatsächlich einbilden kann.“

Ist es also doch gut, nur positiv zu denken – oder darf auch mal Negatives mitschwingen? Hier verweist Schedlowski auf die Lebenserfahrung: „In den seltensten Fällen ist alles nur positiv. Man sollte realistische Vorstellungen entwickeln.“

Festgefahrene Denkmuster lösen

Er spreche deswegen nicht gerne von positiven oder negativen Gedanken, sondern von realistischen Erwartungen. Diese kann man sich auch erarbeiten. Hierbei gilt es, die Denkmuster zu ändern, die man im Laufe seines Lebens gelernt hat. Die haben sich zwar in den neurochemischen Schaltkreisen im Gehirn festgesetzt – doch es gibt Trainings, die solche festgefahrenen Muster lösen können.

Stellt man sich etwas intensiv vor, kommt es zu neuen Synapsen-Verbindungen im Kopf, erklärt Pathologin und Buchautorin Katharina Schmid. Dieser Vorgang funktioniert allerdings nur, wenn der Patient nicht unter Stress steht. Und er kann selbst dann Monate dauern.